Montag, 12. Juli 2010

Das Weltbild des Teilhard de Chardin – Teil 1/6

Einführung
Ich beginne mit diesem Beitrag eine Serie über eines der Weltbilder, die mich am meisten beeindrucken und welches ich für geeignet halte zu beschreiben was um uns herum vor sich geht und wie sich der Mensch seine Existenz in einem größeren Ganzen erklären kann. Es ist ein Weltbild, das zwischen Glauben und Wissenschaft keinen oder kaum mehr einen Widerspruch bestehen lässt. Ganz im Gegenteil vereint es sogar wesentliche Teile der (christlichen) Religion mit den Erkenntnissen der modernen Wissenschaft. Und dies ist das Welterklärungsmodell nach Teilhard de Chardin.

Zuerst aber noch etwas Organisatorisches. Ich beginne heute mit dem ersten Teil der Serie, welcher den Titel „Einführung“ trägt. Hier die Übersicht über die gesamte Serie (der genaue Zeitpunkt des Erscheinens der Beiträge ist noch offen, doch werden sie alle bis spätestens Samstag 31. Juli erschienen sein.). Die Quelle dieser Beiträge ist das Buch „Der Mensch im Kosmos“ von Teilhard de Chardin. Der Einteilung des Buches folge auch ich hier.

1.) Einführung
2.) Die Vorstufen des Lebens
3.) Das Leben
4.) Das Denken
5.) Das höhere Leben
6.) Zusammenfassung und Anhänge


Teilhard de Chardin
Pierre Teilhard de Chardin (von nun an TdC) wurde am 1. Mai 1881 bei Clermont-Ferrand in der Auvergne geboren. Der Vater war Naturforscher (Amateur), seine Mutter streng gläubige Katholikin. Diese beiden scheinbaren Gegensätze versuchte TdC sein Leben lang in sich zu vereinigen. Er trat in den Jesuitenorden ein, studierte Geologie, Physik und Chemie. Er unternahm viele geologische Exkursionen und unterrichtete von 1905 bis 1908 an der Jesuitenschule in Kairo Naturwissenschaften. 1911 erhielt er die Priesterweihe, an welche ein paläontologisches Studium in Paris anschloss. Im Ersten Weltkrieg dient er als Sanitäter. Anfang der 20er Jahre promovierte er in Geologie und erhielt eine Professur am katholischen Institut in Paris. Er unternahm viele Forschungsreisen nach Afrika, Burma, Indien und vor allem China.

TdC war einer der ersten Franzosen, die sich dem Darwinismus zuwandten, denn damals folgten in Frankreich die meisten noch fast ausschließlich den Lehren von Lamarck. Aufgrund seiner allzu „weltlichen“ Ansichten in Bezug auf die Schöpfung, insbesondere die Bejahung der Evolutionstheorie, kam er bald mit der Glaubenskongregation in Konflikt und verlor 1926 seinen Lehrstuhl. 1929 war TdC einer der Entdecker des „Peking-Menschen“ (Sinanthropus).

1940 erschien sein Hauptwerk „Le Phénomène Humain“ (dt. „Der Mensch im Kosmos“). Dieses Werk wurde jedoch nicht mehr zu Lebzeiten TdC veröffentlich, da er die nötige Erlaubnis seiner Ordens und der Kirche nicht erhielt (als freier Autor wolle er das Werk nicht veröffentlichen). Zweimal wurde er von seinem Orden verbannt. Jedes Mal gehorchte er den Anordnungen seines Oberen. 1950 wurde er Mitglied der Französischen Akademie der Wissenschaften. TdC starb am Ostersonntag des Jahres 1955 in New York. Nach seinem Tod wurden seine Werke, vor allem „Der Mensch im Kosmos“, veröffentlicht und entwickelten sich bald zu Bestsellern. In den 60er Jahren erreichte er auch im deutschsprachigen Raum geradezu Kultstatus.


Kurze Übersicht über das Weltbild
Für TdC begann das gesamte Universum mit einem Anfang, wie man sich es heute im Urknall vorstellt, dem Big Bang. Dieser Anfang nennt er Alpha. Das ganze Universum bewegt sich auf einer Achse, die er in Jesus Christus identifizierte, auf einen Endpunkt zu, dem Punkt Omega (die Bezeichnung Alpha und Omega kommen aus der Offenbarung des Johannes, in der Jesus als das A & O bezeichnet wird). TdC geht nach dem Urknall von einer Genese über die Stadien der unbelebten Materie, über das Leben, das Denken bis zu einem höheren Leben aus, das in Omega seinen Höhepunkt und Abschluss findet. Das dem ganzen zugrunde liegende Phänomen ist das Bewusstsein, das bereits im Anfang, zumindest in Ansätzen, vorhanden gewesen sein musste. Also trägt bereits die unbelebte Materie den Keim des Bewusstseins in sich und wird über die Pflanzen und Tiere hinweg immer komplexer. Irgendwann erreichte diese Komplexität einen derart hohen Stand, dass ein Wesen sich zum ersten Mal seiner selbst bewusst wurde. Und das ist in der Gestalt des Menschen geschehen. Der Mensch ist das erste Wesen, dass sich seiner selbst bewusst ist. Der Mensch ist die sich ihrer selbst bewusst gewordene Evolution!

Damit aber ist der Mensch nicht einfach die Weiterentwicklung der Tiere, sondern etwas ganz anderes. Mag der Mensch auch auf der Stufe der DNS 95 oder sogar 98 Prozent mit dem Schimpansen identisch sein, so ist aufgrund der Komplexität des Bewusstseins durch ihn doch ein „neues“ Wesen entstanden. Der Mensch ist kein höheres Tier, sondern ein neues Phylum (Stamm von Lebewesen). TdC nimmt an, dass die Entwicklung vom Stadium des Menschen an nur noch geistig vonstatten geht, da er glaubt im Menschen einen körperlichen Endzustand erkannt zu haben. Und hier beginnt das eigentliche dessen, was in der Gnosis als Noogenese (Entwicklung des Bewusstseins) genannt wird. TdC glaubte, dass wir uns genau an so einem Übergangspunkt befänden und dass der große psychische Druck, den die Menschen in unserer Zeit verspüren eine größere „geistige Verdichtung“ ankündige, bzw. dass ein solche schon im Gange sei, die uns in radialer Richtung weiter gen Omega führen würde. Einen Überblick über die Theorie der Entwicklung des Universums nach TdC gibt die Grafik mit der dieser Artikel begann.

Die Details dazu schildere ich in den Beiträgen der kommenden drei Wochen.

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