Dienstag, 25. Mai 2010

Thomas von Aquin (1225 – 1274)

Der Heilige Thomas von Aquin war einer der herausragendsten Geistesgrößen des Mittelalters und wahrscheinlich die einflussreichste Person in der Philosophie und mehr noch der Theologie des 13. Jahrhunderts. Über all die Jahrhunderte hindurch wurden und werden seine Werke gelesen und gelten zu dem Größten, was der menschliche Geist je hervorgebracht hat. Seine bedeutendsten Schriften verfasste er mit unglaublicher Anstrengung und einem schier übermenschlichen Arbeitspensum in den letzten Jahres seines nicht all zu langen Lebens. Am bekanntesten unter diesen Schriften sind „Summa contra gentiles“ und mehr noch seine „Summa theologica (oder theologiae)“. Der dritte Teil dieser „Summa theologica“ wurde erst nach seinem Tod 1274 fertig gestellt, jedoch in Übereinstimmung mit seinem eigenen Design. Wer war dieser große Mann, zu dem Generationen von Gelehrten emporblicken und der nicht nur unter den Heiligen einen besonderen Platz einnimmt, sondern auch in der Gelehrtenwelt seinen überragenden Rang hat?

Geboren wurde Thomas von Aquin 1225 auf der Burg Roccasecca bei Aquino in Mittelitalien. Der Abstammung nach war er aus niederem Landadel (Lehensherrn aus gräflichem Geschlecht). Er studierte bereits als Kind bei den Benediktinern auf dem berühmten Bergkloster Monte Cassino in Latium. Später studierte er in Neapel, welches die erste staatliche Universität des Abendlandes besaß. Er trat mit 18 Jahren, 1243, in den Dominikanerorden ein. Gegen den ausdrücklichen Wunsch seines Elternhauses ging er nach Paris, um dort seine Studien fortzusetzen. Dabei wurde er Schüler des berühmten Scholastikers, Albertus Magnus. Er folgte Albertus Magnus, als dieser nach Köln berufen wurde. Später, 1252, kehrte Thomas nach Paris zurück, um dort bis 1261 zu unterrichten. 1256 erhielt er seine Magisterwürde. In Paris entstanden auch die ersten Werke, einige Kommentare zu den frühen Kirchenvätern. Dann wurde er unter Urban IV an den päpstlichen Hof nach Rom geholt. Thomas wechselte mehrmals zwischen Italien (unter anderen wieder Neapel) und Frankreich (vor allem Paris) hin und her. Seine Pflichten und Berufungen ließen ihn kaum länger als zwei bis drei Jahren an einem Ort verweilen. Zwischen 1259 und 1264 entstand sein bedeutendes Werk „Summa contra gentiles“, in dem er vor allem die Frage der Heiden behandelt. Daran schließt sich der Beginn seines Werkes „Summa theologica“ an, an dem er lange Zeit arbeitete und das trotz zahlreicher anderweitiger Verpflichtungen (Lehre und Dominikanerorden). In den letzten Jahren vor seinem Tod schrieb er noch zwölf umfangreiche Kommentare zu Aristoteles.

1272 kehrte Thomas nach Neapel zurück, um dort eine Ordenshochschule einzurichten. 1274 berief Gregor X. den Generalrat nach Lyon, zu dem auch Thomas von Aquin geladen war. Er starb jedoch am 7. März auf dem Weg dahin in der Zisterzienserabtei von Fossa-nuova, südlich von Rom, an Erschöpfung. Seine sterblichen Überreste wurden in Toulouse begraben. Bald wurde der Heiligsprechungsprozess eingeleitet. 1323 sprach Papst Johannes XXII. Thomas von Aquin heilig.

Die Philosophie Thomas von Aquins steht in Zusammenhang mit der im 13. Jahrhunderts besonders stark vertretenen Auseinandersetzung mit den Werken des (Heiden) Aristoteles. So war es zu dieser Zeit auch nicht ungefährlich dessen Werke zu lesen und zu studieren. Vor allem die diversen Übersetzungsversuche brachten viele Kontroversen mit sich. Thomas von Aquin zeichnet sich durch einen sehr überlegten und, heute würde man sagen „fairer“ Stil aus. Er stellt mehrere Positionen gegenüber, ohne dabei überheblich zu sein oder eine von vorne herein eine Interpretation im Sinne des Christentums vornehmen zu wollen. Was bemerkenswert an Thomas ist, dass er meist größeren Wert auf die gedankliche Nachvollziehbarkeit als auf direkte Offenbarung der Wahrheit legte. Natürlich befinden wir uns noch in der Mitte des 13. Jahrhunderts und deshalb wird auch noch von „Wahrheit“ im Wissenschaftlichen Sinne gesprochen. Heute ist uns klar, dass die Wissenschaft nicht in der Lage ist Wahrheiten zu liefern, sondern lediglich Theorien, die eine Zeit lang bestehen, bis sie von einer neuen Theorie abgelöst wird. Trotzdem gibt es heute immer wieder Wissenschaftler, die anstatt zu forschen und sich um die Wirklichkeit zu kümmern, lieber Politik betreiben und ihre Theorien als „Wahrheiten“ verkaufen. Ein Beispiel für so eine Vorgehensweise finden wir bei Richard Dawkins, der die „Evolutionstheorie“ als „Wahrheit“ darstellt und dabei alles tut, um Religionen in den Schmutz zu ziehen. Dabei schaden solche Leute am aller meisten der Wissenschaft selbst. Ein Thomas von Aquin hätte sich keiner ernsthaften Diskussion entzogen, doch wäre er wohl nicht auf ein primitives polemisches Niveau herunter gestiegen.

Jedenfalls waren das Hochmittelalter, und vor allem das 13. Jahrhundert, die Zeit in der es allmählich zu einer Umorientierung kam. Während die Antike und das frühe Mittelalter von Platons Philosophie geprägt war, so änderte sich dies nun mehr zugunsten des Aristoteles. Das heißt aber auch, dass damit die Naturkräfte selbst und auch die Materie eine größere Bedeutung erlangten. Während Platon die Seele in den Mittelpunkt stellt und die Körperlichkeit als untergeordnet, ja teilweise sogar in ihrer Existenz anzweifelt, ist die Philosophie des Aristoteles hingegen mehr an der „Dinglichkeit“ orientiert. Platon ist mehr der „echte“ Philosoph, der Vergeistigte, während Aristoteles, der Praktiker, den man, man möge mir diesen Ausdruck verzeihen, als „Mechaniker“ bezeichnet werden könnte. Thomas von Aquin bemühte sich intensiv darum zu zeigen, dass ein Großteil dessen, was Aristoteles lehrte, mit dem christlichen Dogma übereinstimmte. Bemerkenswert ist die Kunst zu systematisieren, die Thomas von Aquin auszeichnete. Er lehnte auf der einen Seite die Augustinische Lehre ab, dass die Wahrheit eine Angelegenheit des Glaubens sei. Auf der anderen verwarf er aber auch die Lehre, die vor allem von Averroes vertreten wurde, die Glauben und Wahrheit völlig von einander trennte und keinen Zusammenhang zwischen den beiden erblicken konnte.

Über die „Summa theologica“ werde ich zu einem späteren Zeitpunkt ausführlicher schreiben. Der Platz wäre hier niemals ausreichend und in dieser Kurzbiographie stelle ich auch nicht den Anspruch detaillierte Informationen zu liefern. Der Jahrestag des Heiligen Thomas von Aquin wird am 28. Jänner (katholisch) gefeiert.

Sonntag, 16. Mai 2010

Reifer Glaube

Die spirituelle Reife des Menschen entwickelt sich in der Regel viel langsamer, als die biologische Reife. Letztere stellt sich meist von selbst ein, während die geistige, nicht nur intellektuelle und seelische Reife, sich nur durch aktives Tun des Menschen selbst einstellt. Auch ist der Prozess nie abgeschlossen, sondern die Entwicklung läuft über das ganze Leben hindurch ab. Jedoch kommt es sehr oft vor, dass ein Mensch auf einem bestimmten Niveau über lange Zeit, wenn nicht sogar sein ganzes Leben lang, verbleibt. So kann es geschehen, dass ein Mensch im mittleren Alter immer noch ein kindliches Glaubensbild in sich trägt. Kein Wunder, dass es Menschen gibt, die daraus ableiten, dass Glauben überhaupt etwas Kindisches sei. In Wahrheit könnte jedoch nichts ferner liegen, denn der reife Glaube unterscheidet sich vom noch nicht gereiften Glauben, wie eine Eichel von einer ausgewachsenen Eiche. Der Glaube eines kleinen Kindes unterscheidet sich von dem der Jugend, des mittleren Alters und des Alters ganz erheblich. Ich möchte dies am Vergleich von zwei Gedichten zeigen, die Johann Wolfgang von Goethe geschrieben hat: „Prometheus“ und „Grenzen der Menschheit“

Prometheus
Bedecke deinen Himmel, Zeus,
Mit Wolkendunst
Und übe, dem Knaben gleich,
Der Disteln köpft,
An Eichen dich und Bergeshöhn;
Musst mir meine Erde
Doch lassen stehn
Und meine Hütte, die du nicht gebaut,
Und meinen Herd,
Um dessen Glut
Du mich beneidest.
Ich kenne nichts Ärmeres
Unter der Sonn als euch, Götter!
Ihr nähret kümmerlich
Von Opfersteuern
Und Gebetshauch
Eure Majestät
Und darbtet, wären
Nicht Kinder und Bettler
Hoffnungsvolle Toren.
Da ich ein Kind war,
Nicht wusste, wo aus noch ein,
Kehrt ich mein verirrtes Auge
Zur Sonne, als wenn drüber wär’
Ein Ohr, zu hören meine Klage,
Ein Herz wie meins,
Sich des Bedrängten zu erbarmen.
Wer half mir
Wider der Titanen Übermut?
Wer rettete vom Tode mich,
Von Sklaverei?
Hast du nicht alles selbst vollendet,
Heilig glühend Herz?
Und glühtest jung und gut,
Betrogen, Rettungsdank
Dem Schlafenden da droben?
Ich dich ehren? Wofür?
Hast du die Schmerzen gelindert
Je des Beladenen?
Hast du die Tränen gestillet
Je des Geängstigten?
Hat nicht mich zum Manne geschmiedet
Die allmächtige Zeit
Und das ewige Schicksal,
Meine Herrn und deine?
Wähntest du etwa,
Ich sollte das Leben hassen,
In Wüsten fliehen,
Weil nicht alle
Blütenträume reiften?
Hier sitz ich, forme Menschen
Nach meinem Bilde,
Ein Geschlecht, das mir gleich sei,
Zu leiden, zu weinen,
Zu genießen und zu freuen sich,
Und dein nicht zu achten,
Wie ich!

Grenzen der Menschheit
Wenn der uralte,
Heilige Vater
Mit gelassener Hand
Aus rollenden Wolken
Segnende Blitze
Über die Erde sät
Küss ich den letzten
Saum seines Kleides,
Kindliche Schauer
Treu in der Brust.
Denn mit Göttern
Soll sich nicht messen
Irgendein Mensch.
Hebt er sich aufwärts
Und berührt
Mit dem Scheitel die Sterne,
Nirgends haften dann
Die unsichern Sohlen,
Und mit ihm spielen
Wolken und Winde.
Steht er mit festen,
Markigen Knochen
Auf der wohl gegründeten
Dauernden Erde,
Reicht er nicht auf,
Nur mit der Eiche
Oder der Rebe
Sich zu vergleichen.
Was unterscheidet
Götter von Menschen?
Dass viele Wellen
Vor jenen wandeln,
Ein ewiger Strom:
Uns hebt die Welle,
Verschlingt die Welle,
Und wir versinken.
Ein kleiner Ring
Begrenzt unser Leben,
Und viele Geschlechter
Reihen sie dauernd,
An ihres Daseins
Unendliche Kette.

Es ist klar erkennbar, dass beide nicht denselben Geist, dieselbe Glaubenseinstellung ausdrücken. „Prometheus“ deutet auf einen „Stürmer und Dränger“ hin, eine jugendhafte Person, der es eine Zumutung zu sein schein, einen Gott über sich zu haben, die glaubt im Grunde mit wachem Verstand alles selbst in die Hand nehmen zu können. Wozu dann Gott? Von dieser Ablehnung gegen Gott, ist es nur ein kleiner Schritt zum Atheismus. Mag sein, dass Frust zu dieser Auffassung führt, mag sein, dass Gott nicht als gut, sondern als Tyrann aufgefasst wird. Ablehnung oder Leugnung Gottes, beides ist einem jedenfalls Recht. Prometheus zeigt sehr gut die Rebellion des (vor allem jungen) Menschen gegen einen Gott, gegen jemanden, dem man gegenüber verantwortlich ist, auch wenn man allen Menschen entkommen ist. Dass am Ende Rechenschaft über alles abzulegen ist, das erscheint untragbar. Das zweite Gedicht hingegen zeigt den reifen Glauben eines Menschen mit Lebenserfahrung, der wahrscheinlich viel durchgestanden hat und der endlich zur wahren Einsicht gelangt ist. Meist sind Menschen, die die Einstellungen von „Grenzen der Menschheit“ gewonnen haben auch die „Prometheuseinstellung“ gegangen und haben sie irgendwann hinter sich gelassen. Großer Zweifel ist nichts Schlechtes, im Gegenteil, gerade daraus kann der reife Glauben entspringen. Es zeigt, dass ein Mensch sehr in die Sache des Glaubens involviert ist. Vom durchdachten Atheismus zum echten Glauben ist es oft nur ein kleiner Sprung. Was es dazu braucht? Die Fairness und die Demut des Atheisten nun auch seine Zweifel anzuzweifeln. Der Atheist, der auch seinen Atheismus anzuzweifeln vermag, der kann diesen Entwicklungsschritt machen. Wenn es um Glauben geht, herrschen oft falsche Vorstellungen vor, die sich aus einem schlampigen Gebrauch des Wortes „glauben“ ergeben. So sagt einer zum Beispiel: „Ich glaube die Hauptstadt von Nicaragua ist Managua.“ Sagt er aber hingegen: „Ich weiß die Hauptstadt von Nicaragua ist Managua“, so ist das nicht dasselbe. Im zweiten Fall sprechen wir von wissen, im ersteren von „nur“ glauben. Glauben wird damit zu einer Restgröße für das Nichtwissen, die wir aber trotzdem für wahr halten. So gesehen, ist es leicht verständlich, den Glauben geringer zu schätzen. Wahrer Glaube hat aber damit nichts zu tun. Er entspringt sehr wohl auch dem Verstand, aber er geht darüber hinaus, da er das Gefühl, das Wollen und überhaupt das ganze Wesen des Menschen miteinschließt. Glauben ist das Ganzheitlichste, was es überhaupt gibt, er ist. Wahrer Glaube ist nicht nur eine Gewissheit, sondern sogar eine Übergewissheit. Zu glauben ist nicht nur vernünftig, es ist übervernünftig. Jeder weiß, dass die Wurzel aus 25 5 ist. Für den Gläubigen ist die Gewissheit, dass es Gott gibt, mindestens so stark wie die eben genannte Gewissheit. Sicher, der Nicht-Gläubige kann sich nicht wirklich vorstellen, wie einer zum Glauben kommt (mag er sich auch noch so viele Erklärungen zurecht legen). Doch er kann sich vorstellen, wie es sich anfühlt, wenn man ihm ein Beispiel nennt, so wie ich es oben mit der Wurzel aus 25 gemacht habe. Ich wünsche allen noch einen schönen Sonntag und gutes Gelingen in der nächsten Arbeitswoche.

Montag, 10. Mai 2010

Religiöse Toleranz – was ist das wirklich?

Gerade im religiösen Bereich, beziehungsweise im Bezug darauf, wird immer wieder verlangt, die einzelnen Parteien und Beteiligten mögen doch größere Toleranz üben. Die Intoleranz sei der Grund dafür, dass es so viele Unstimmigkeiten und Streit gäbe. Manche fordern gar, am besten wäre es, dass keiner mehr auf irgendeine Sache bestehen soll. Die Harmonie wird allem übergeordnet – freilich eine trügerische Harmonie, denn wenn einer dem anderen nachgibt, dann mag zwar im äußeren Harmonie herrschen, aber der Mensch hat sich dann im inneren selbst verraten und wird die Zeche dafür auch zu bezahlen haben. Was bei so einer Ansicht herauskommt, ist ein grauer Einheitsbreit ohne Ecken und Kanten, nicht Fisch, nicht Fleisch, keiner ist damit besonders zufrieden, aber man kann händchenhaltend durch die Straßen spazieren und fühlt sich wie die kleinen Kinder in Kindergarten. Wäre das nicht schön? Alle vereint, keine Streitigkeiten mehr, alle unter dem Dach eine Weltreligion light, denn klare Aussagen könnten überhaupt nicht mehr getroffen werden? Irgendwie wäre dann ja alles richtig.

So verführerisch das alles auch sein mag, es ist im Ergebnis kompletter Schwachsinn! Es gibt zum Beispiel auch die Ansicht, im Grunde würden doch alle Wege zum Ziel führen. Wer so denkt, hat sich mit der Sache überhaupt nicht beschäftigt! Die verschiedenen Religionen haben unterschiedliche Ziele und diese sind eben gerade nicht gleich, ja meist auch nicht miteinander vereinbar! Ich selbst habe lange Jahre hindurch den Buddhismus und das Christentum studiert. Alleine am Beispiel des Vergleiches dieser beiden Religionen lässt sich ganz klar zeigen, dass es eben nicht dieselben Ziele sind, die erreicht werden. Im Buddhismus kreist alles ums Leid und dessen Aufhebung. Buddha selbst hat gesagt, dass er nie etwas anderes gelehrt habe als das Leiden. Das Leid ist der Fetisch der Buddhisten, schließlich ist gemäß ihrer Ansicht (Erste Wahrheit) alles Leben Leiden! Das Leid soll nun beendet werden. Und das soll dadurch erreicht werden, indem alles verneint wird, alle Bedürfnisse, alle Triebe, alles Leben, alles was gut, schön und menschlich ist. Ist alles aufgehoben, dann erreiche man Nirwana. Nirwana ist aber keineswegs der Himmel, keine ewige Glückseligkeit. Diesem Irrtum darf man nicht unterliegen. Nirwana ist einfach das Verlöschen in der spirituellen Welt. Aber darüber hinaus geht der Buddhismus nicht, der Buddhismus hat mit dem Absoluten, dem Endgültigen nichts zu tun! Er weiß nicht einmal etwas davon. Der Buddhismus bleibt auf einer anderen Stufe, er dringt gar nicht bis zum Höchsten vor, sondern hat nie etwas davon erfahren.

Anders das Christentum. Das Christentum kennt die Welt, die die Buddhisten beschreiben, selbst ganz genau. Die spirituelle Welt ist auch für das Christentum eine Tatsache, doch ist sie nicht die Welt Gottes. Denn auch, und da haben die Buddhisten völlig Recht, diese spirituelle Welt unterliegt einem Wandel. Auch die Wesen die sich dort finden, sind vergänglich, wenn sie auch meist eine längere Lebensdauer haben als wir Menschen. Das Christentum kümmert sich aber vor allem um Gott und den Menschen. Gott ist aber weder in der materiellen, noch in der spirituellen Welt, sondern oberhalb von beiden in der ewigen Absolutheit. Das ist die Welt Gottes, das ist der Himmel. Es ist leicht zu sehen, dass es da keine Übereinstimmung gibt, die beiden Wege haben völlig unterschiedliche Ziele. Verlöschen (Nirwana) oder Himmel, sind zwei ganz verschiedene Dinge!

Wie sieht es aber nun mit der religiösen Toleranz aus? Es ist verständlich, dass Toleranz niemals unbegrenzt sein kann, sondern irgendwo ihre Grenzen finden muss. Toleranz ist mehr als das bloße Dulden eines anderen, denn wer den anderen nur duldet, beleidigt ihn auf die Dauer. Am Anfang mag zwar das Dulden stehen, wenn es aber nicht zu einer Akzeptanz kommt, dann läuft es im Ergebnis auf eine Beleidigung hinaus. Wie schaut es aber nun mit der Toleranz zwischen den Religionen und auch den nichtreligiösen Gruppen aus? Toleranz kann nur bedeuten, dass man den anderen als Menschen akzeptiert, ihm seine Würde belässt und seine Leistungen schätzt.

Manchmal hört man die Forderung in Bezug auf religiöse Toleranz, Religionen sollen ihren Alleinheilsanspruch aufgeben. Das hört sich zuerst für manchen, nicht schlecht an, denkt man so könne man wohl leichter sich auf Augenhöhe begegnen. Dazu muss allerdings gesagt werden: Wenn die Behauptung man selbst haben den einzig richtigen Weg auf einer bloßen (menschlichen) Meinung beruht, dann sollte davon auch abgerückt werden können. Sollt jedoch diese Ansicht auf dem Glauben selbst beruhen (zum Beispiel weil eine Heilige Schrift dies so besagt), dann darf nicht gefordert werden diese Ansicht aufzugeben. Ist diese Ansicht selbst Glaubensinhalt, dann ist die Forderung des Abrückens davon unzulässig! Glauben ist Teil der Identität und wer vom anderen verlangt Glaubensinhalte aufzugeben, der greift seine Identität an. Das ist gleichbedeutend mit einem Angriff mit einer Waffe. Und einen solchen würde man auch niemals gutheißen. Wer den Glauben des anderen angreift, respektiert die Grenzen des anderen nicht!

Ich bin der Meinung, dass sich aber alle Menschen auf einer rein menschlichen Ebene sehr wohl treffen können. Ich kann den anderen als Menschen, als einen Bruder oder eine Schwester akzeptieren, ohne ein Über- oder Unterlegenheitsgefühl zu entwickeln. Auch wenn jemand der Meinung ist der andere habe nicht Recht, so ist trotzdem ein ordentlicher, ja sogar liebevoller Umgang, miteinander möglich. Nur darf niemals um der gegenseitigen Verständigung willen, ein Abrücken vom Glauben gefordert werden. Das wäre in jedem Fall unzulässig.

Donnerstag, 6. Mai 2010

Das Phänomen des Glaubens

Wie ich bereits in meinem letzten Eintrag (Sonntag 2. Mai) geschrieben habe, gibt es drei Möglichkeiten, wie der Mensch auf die Frage nach dem Sinn des Lebens antworten kann. Ich möchte mich heute besonders mit der Antwort des Glaubens beschäftigen und zwar nicht in dem Sinne, dass es um einen bestimmten Inhalt des Glaubens, ein bestimmtes Bekenntnis, gehen soll, sondern um das Phänomen des Glaubens selbst. Es ist wohl nicht übertrieben zu behaupten, dass es sich beim Glauben um ein Phänomen handelt, denn alle Zeiten und alle Orte haben es gekannt und treffend sagte bereits der antike Orator Cicero, dass es ein nicht glaubendes Volk noch nie gegeben habe. Wo immer es Menschen gab, da hat man auch geglaubt. Doch, was ist glauben eigentlich? Wie entsteht er?

Kritiker des Glaubens führen verschiedene Punkte auf, die ihrer Meinung zutreffen. Da gibt es einerseits die Ansicht Glauben sei kindisch, unwürdig des Erwachsenen und vor allem modernen Menschen des 21. Jahrhunderts. Die Unfähigkeit zu glauben führt dann oft zur Gleichgültigkeit oder entschiedener Ablehnung des Glaubens. Auch ist es möglich, dass die eigene Überheblichkeit Glauben nicht zulässt, denn man denke nur an die Regeln der Religionen. Wenn nämlich die Bücher des Glaubens, Gottes Wort sind und vollkommen zutreffen, dann hat dies enorme Konsequenzen für den Menschen und seine Art zu leben und gar viele würden wohl nicht bestehen können. Viele Menschen haben ein persönliches Interesse daran, dass diese Schriften nicht wahr sind. Atheismus kann auch aus dem Wunsch entstehen, dass es Gott nicht geben möge (Sartre sagte etwa: „Wenn Gott existiert, ist der Mensch ein Nichts:“).

Am Beginn steht der Begriff „Glauben“ selbst. In der heutigen Zeit wird das Wort „glauben“ viel zu häufig für Dinge verwendet, die dem eigentlichen Sinn dieses Wortes nicht entsprechen. Meist wird damit „vermuten“ oder „annehmen“ gemeint, auf diese Weise ist glauben aber weniger als wissen. Denn „glauben“ ist dann eine Sammelbezeichnung für die Dinge, die man nicht weiß, die man aber, aus welchen Gründen auch immer, für richtig hält. Wahrer Glaube jedoch übersteigt das Wissen bei weitem, denn niemals wird beim Glauben der Verstand ausgeschaltete, niemals heißt Glauben Nicht-Denken! Im Gegenteil, gerade beim Glauben wird gedacht. Allerdings ist es damit nicht getan. Glauben ist eine ganzheitliche Erfahrung, die Denken, Fühlen und Wollen miteinschließt. Im Ergebnis ist der Glaube ein Geschenk, das der Mensch nur erhält, wenn er eine gewisse Demut walten lässt. Niemals kann Glauben erzwungen werden. Auch kann kein Mensch den anderen glaubend machen. Deshalb sprechen verschiedene Religionen auch davon, dass Gott im Menschen den Glauben erwecke. Tut er dies nicht, so kann der Mensch nicht glauben.

In gewisser Weise leben Menschen die glauben und solche, die nicht glauben, nicht in derselben Welt. Zwischen Glauben und Nichtglauben gibt es einen Graben, der nicht einfach überbrückt werden kann. Für den Nichtglaubenden ist der Gläubige ein Rätsel. Es ist so, als ob ein „Schalter“ in ihm umgelegt wurde und sich eine Gewissheit eingestellt hätte, die nicht zu erklären ist. Sämtliche Erklärungsversuche laufen ins Leere, es sei denn man begnügt sich mit ein paar vorgefassten Ansichten, wie dass solche Leute wohl verrückt sein müssten. Doch kennt jemand eine Person aus persönlicher Erfahrung, die lange Zeit ihres Lebens nicht glaubend war und plötzlich glaubt, so kann man nicht einfach auf so eine „leichte Lösung“ zurückgreifen. Der Mensch hat sich nicht zurückentwickelt oder ist aus der Welt geflohen, sondern er hat einen Quantensprung gemacht, der dem anderen unbegreiflich bleibt.

Problematisch ist natürlich der unvollständige Glaube und auf ihm beziehen sich auch allerhand Kritiken. Ein nicht entwickelter Glaube ist leicht Aberglaube oder Irrglaube. Oft finden sich hier hartherzige Menschen, die mit aller Gewalt anderen ihr Weltbild aufdrücken wollen. Solche Irrgläubigen dienen dann als abschreckendes Beispiel für die Nichtgläubigen und der Glaube selbst kommt in Verruf. Wer aber nach dem Glauben fragt, der befindet sich bereits auf dem Weg zum Glauben, alles beginnt mit der Frage. Selbst der entschieden Nicht-Gläubige ist meist einer, der sich zutiefst nach dem Glauben sehnt aber kein Vertrauen fassen kann.

Der Anfang des Glaubens ist immer ein Öffnen für das Unbegreifliche, dies umfasst einerseits den Willensentschluss sich darauf einzulassen, andererseits die intellektuelle und emotionale Bereitschaft zu empfangen. Auch im Alltag kennt der Mensch den Glauben, zum Beispiel den Glauben an einen anderen Menschen. Wir brauchen das Vertrauen in andere Menschen, ansonsten könnte keiner von uns leben, ja wir wären nicht einmal auf die Welt gekommen. Der Glaube aber, von dem hier die Rede ist (religiöser Glaube) entsteht aus der Begegnung mit der Gottheit. Der Mensch weiß um die Gottheit, doch kann er sie „nicht schauen“, wie es die Bibel ausdrückt. Trotzdem hat der Mensch eine höhere Gewissheit, die weit über das hinausgeht, was er sonst an Gewissheiten kennt. Der Glaube ist nicht unvernünftig! Im Gegenteil: Der Glaube ist eine höhere Qualifikation von Vernunft, die das ganze Wesen des Menschen einschießt. Deshalb handelt es sich dabei auch um eine „leibhaftige“ Erfahrung und nicht um einen abstrakten Gedanken. Durch den Glauben wird Gott von einem metaphysischen Begriff zu einer real erfahrbaren Person. Man ist nicht mehr alleine, es steht einem ein „Du“ gegenüber, ein „Vater“, wenn wir im christlichen Sinne sprechen wollen. Weil der Mensch den Glauben nicht selbst herbeiführen kann, weil er nicht glauben kann, wenn er es sich auch noch so sehr wünschen mag, spricht man auch von der „Gnade“ glauben zu können.

Am Anfang des Glaubens steht das Denken, das vernunftmäßige Durchdenken. Darauf folgt die Entscheidung sich einzulassen und dann kommt der entscheidende Schritt, des sich Fallenlassens. Der Mensch besitzt einen freien Willen und dieser umfasst auch, dass er die Entscheidung gegen den Glauben treffen kann. Es steht im frei, sich nicht auf den Glauben einzulassen. Drum gibt es auch keinen Glauben ohne Willen.

In der Geschichte gibt es die unterschiedlichsten Schilderungen von Menschen, die plötzlich zum Glauben gebracht wurden. Einerseits gibt es die übernatürlichen Erscheinungen, wie sie die Bibel schildert (Saulus auf dem Weg nach Damaskus), Bekehrungen wie wir sie von Augustinus kennen, dramatische Ereignisse wie Krieg, Verwundungen, Verlust, Leid, die zum plötzlichen Glauben geführt haben. Bei den meisten Menschen geht dem Glauben jedoch eine längere Beschäftigung mit dem Sinn des Lebens voraus. Es wird viel nachgedacht, gelesen, Vorträge und Seminare besucht. Die Suche wird sehr ernsthaft und intensiv betrieben. Mitunter kann das Verlangen nach Sinn derart groß sein, dass ein gewöhnliches Leben gar nicht mehr möglich ist, bis der Hunger danach gestillt wurde. Die inneren Kämpfe, die einer hier auszufechten hat, sind nicht zu unterschätzen, derjenige, der zum Glauben gelangt wird wiedergeboren und ist danach ein völlig anderer Menschen. Am Alten kann nicht mehr festgehalten werden. Der Mensch verändert sich in seiner Gesamtheit, denn der Glaube ist nicht ein zusätzlicher Aspekt des Lebens, sondern das Leben selbst in allen Bereichen. Deshalb kann Glaube auch niemals Privatsache sein, er wird das Wesen des Menschen in allen Bereichen durchdringen und keine Entscheidung, keine Wahl, wird davon nicht tangiert werden. Irgendwann trifft der Mensch dann oft die Entscheidung sich einzulassen und von der bloßen Annahme einer Gottheit zur realen Erfahrbarkeit zu gelangen, indem der eigene Wille zurücktritt und sich die Bereitschaft für „dein Wille geschehe“ einstellt. Dann aber braucht es des Mutes, denn dieser nächste Schritt ist ein Sprung in die Leere, in den Abgrund ohne Boden, ein tiefes Vertrauen ist dafür nötig.

Eines muss hier noch erwähnt werden, nämlich dass der Glaube sich auch mit dem Lebensalter verändert. Der Glaube des Alters ist nicht derselbe, wie der Glaube des Kindes oder des Heranwachsenden. Entwickelt sich der Glaube nicht mit dem Lebensalter mit, dann kann er wirklich kindisch erscheinen. So kann es durchaus vorkommen, dass ein Erwachsener spirituell noch den Glauben des Kindes hat und somit auch seiner Umgebung als unreif erscheint. Der Glaube spielt in die Lebensfragen hinein und ein nicht entwickelter oder stehen gebliebener Glaube, ist deshalb auch den Lebensaufgaben des Erwachsenen nicht gewachsen. Daraus aber den Schluss zu ziehen der Glaube selbst sei untauglich, wäre vermessen. Glauben entwickelt sich in jedem selbst und ist immer auch eine individuelle Angelegenheit, insofern, als zwischen der Gottheit und dem Menschen ein persönliches Verhältnis besteht und sich insbesondere die individuelle Mission des Menschen in der Welt aus dieser Beziehung ableitet. Der Glaube wächst aus den eigenen Erfahrungen und dem intensiven Nachdenken über den Glauben und die Glaubensregeln. Deshalb auch das Gebet. Gebet ist ein Gespräch mit der Gottheit, aber es ist mehr als ein Loben, Bitten oder Danken. Niemals ist es naives Anrufen einer Ungewissheit, derjenige, der solches tut, der ist im Glauben noch nicht angekommen und unterscheidet sich kaum von den primitiven heidnischen Gläubigen, die der Natur selbst Heilkraft zuschreiben und für die die Gottheit in irdischen Hüllen wohnt (Götzen).

Möglicherweise ist der Glaube Teil eine höheren Ganzwerdung der Menschen, auf dem Weg der Vervollkommnung durch Gott, ein Schritt weiter über das hinaus, was die Menschen waren, bevor zum ersten Mal der Funke des Glaubens in einem Menschen sich entfachte. Der Glauben ist nicht nur nicht unvernünftig, sondern überhaupt das Vernünftigste, was der moderne Mensch tun kann (Chesterton), bedenkt man den Hunger nach Sinn, der ja kein Fehler, sondern ordentlicher Bestandteil der Natur des Menschen ist. Deshalb konnte der Heilige Augustinus auch sagen: „Herr, du hast uns zu dir hin erschaffen und unser Herz ist unruhig, bis es weilt in dir.“

Sonntag, 2. Mai 2010

Die Suche nach dem Sinn des Lebens

Den meisten Menschen ist es nicht genug, zumindest nicht, wenn sie ihre Leben über einen längeren Zeitraum hinweg betrachten, einfach nur zu leben, ohne zu wissen, wohin es geht. Dabei geht es nicht nur um das Leben selbst von der Geburt bis zum Tod, also die Frage „Was mache ich in meinem Leben?“, sondern wohin führt das ganze. Es drängen sich Fragen auf wie „Woher komme ich?“, „Wohin gehe ich?“ oder „Was ist meine Berufung / Mission?“. Diese Fragen haben die Menschen seit jeher beschäftigt und es wurden auch viele Versuche gemacht sie zu beantworten. Aber unabhängig davon, wie die Antwort nun ausfiel, blieb doch immer die Tatsache der Frage selbst! Daran kam und kommt keiner vorbei.

Es hat auch immer Menschen gegeben, die sich ernsthaft diese Frage gestellt haben, aber dann zum Ergebnis kamen, dass die Frage selbst unsinnig sei. Anstatt dies Frage nun zu beantworten, haben sie einfach diese selbst für obsolet oder unvernünftig oder gar nicht beantwortbar erklärt. Manche scheinen mit diesem Ergebnis leben zu können. Doch für den größten Teil der Menschheit, ist dies völlig inakzeptabel und nicht erfüllend. Alles sträubt sich im inneren dagegen. Ginge es nur um den Verstand alleine, könnte damit durchaus ein Auslangen gefunden werden. „Stell keine derartigen Fragen, sondern lebe einfach dein Leben!“, könnte dann die Antwort lauten und ein weiteres Problem ergäbe sich somit nicht. Doch in Wahrheit erfüllt eine solche Antwort den Menschen ganz und gar nicht. Die Leere im Inneren bleibt und lässt sich nicht beseitigen. Wie kommt das? Der Mensch ist ein Lebewesen und damit etwas, das Entscheidungen trifft. Der Mensch ist durch Bedürfnisse gekennzeichnet und wir sehen, dass diese Bedürfnisse sinnvoll sind und dem Leben dienen. Wir haben Hunger damit wir essen. Dieser dient dazu unser Leben zu erhalten. Dann haben wir Bedürfnisse nach Liebe, Achtung, Wissen, Schönheit und einer ganzen Reihe anderer Dinge. Und wir sehen, dass einem Bedürfnis immer eine Erfüllung gegenüber steht. Das Bedürfnis ist sinnvoll. Das will natürlich nicht heißen, dass die Art und Weise wie der Mensch seine Bedürfnisse befriedigt, immer vernünftig ist. Wir wissen alle, dass dem oft nicht so ist. Doch die Tatsache des vernünftigen Bedürfnisses selbst bleibt. Wir erkennen das im Allgemeinen an. Doch gerade beim wichtigsten Bedürfnis, dem Bedürfnis nach dem Sinn des Lebens selbst, nach dem was über das irdische Dasein hinausgeht, behaupten manche, dieses sei nicht vernünftig, man solle sich darum nicht kümmern.

Diese Ansicht kann aus Faulheit entstehen. Vielleicht hat man sich nicht intensiv mit der Frage beschäftigt, sie ist einem lästig und man fühlt sich durch andere Menschen belästigt, die ständig diese Frage stellen. Oder aber, man hat lange gesucht, vieles ausprobiert und ist trotz all des eifrigen Bemühens, nicht zu einem Ergebnis gekommen. Die Frustration soll ein Ende haben und so entschließt man sich dafür die Frage selbst für unsinnig zu erklären. Und ist man arrogant genug, dann mag man sich überlegen fühlen und diejenigen, die noch suchen bedauern oder für unter einem selbst stehend betrachten.

Es gibt drei Möglichkeiten wie man die Frage nach dem Sinn des Lebens beantworten kann, wobei nur zwei davon echte Antworten sind. Die erste Möglichkeit ist das Aufschieben der Frage. Dies ist die einfachste und angenehmste Antwort, wir sind kurzfristig erleichtert und können unser Leben so wie gewohnt weiter leben, die Ruhe ist nicht mehr gestört und der Seelenfrieden wieder (scheinbar) hergestellt. Natürlich ist das nur eine Scheinlösung und es ist nicht zu erwarten, dass die Frage nicht später wieder auftaucht. Im Ergebnis ist diese Antwort sehr menschlich und deshalb kann man solche Leute auch gut verstehen, die sich für diesen einfachen Weg entscheiden.

Dann gibt es diejenige Antwort, die den Sinn des Lebens verneint. Gerade in philosophischen Kreisen, hat sich bei vielen die Ansicht breit gemacht, welche aus Trotz gegenüber den Enttäuschungen des Lebens erwachsen ist. Der unbefriedigende Zustand wird kämpferisch bejaht. Das Leben sei zwar sinnlos, aber der Mensch müsse dieses Schicksal heroisch tragen. Der Mensch sei eben in die Welt hineingeworfen worden und Ungeborgenheit sei dem Menschen unausweichlich bestimmt. Der einzige Sinn im Leben sei jener, dass es keinen Sinn gäbe. Aufgabe sei es diesen Zustand zu akzeptieren und heldenhaft auf sich zu nehmen. Der Mensch bewundert sich dabei selbst und macht sich zum Zentrum seines Daseins. Viele halten diese Ansicht über das Leben sehr konsequent durch. Aber zu dieser Betrachtung gelangt man nur, wenn man die Erkenntnisse über den Sinn des Lebens aus der Umwelt ableitete, aus seiner eigenen Erfahrung, oder möglicherweise noch aus der Erfahrung der Menschheit als solche. So gibt es auch nichts über den Tod hinaus und wenn einer stirbt, dann bleibt alles so zurück, wie er es verlassen hat, es gibt keine Vollendung, alles bleibt offen und brüchig.

Dann gibt es die dritte Ansicht über den Sinn des Lebens und das ist jener Bereich mit dem sich all jene beschäftigen, die sich der Welt des Glaubens zugewandt haben. Das umfasst den Bereich der Religionen aber noch vieles mehr, das nicht unbedingt im Rahmen der organisierten Religionen ihren Platz findet. Der Glauben ist die einzige befriedigende Antwort auf die Sinnfragen des Menschen. Niemand, der im Rahmen der Sinnleugner bleibt, das heiß jene Menschen, die sich nur auf die Welt, wie sie sie sinnlich und verstandesgemäß erkennen, verlassen, kann zu wahrem Glauben kommen. Alles, was solchen Menschen bleibt, ist eine Illusion, die sie sich selbst bilden können, um ihre Leere zu füllen. Das ist ja ein Vorwurf, der der Religion immer wieder gemacht wurde. Doch wahrer Glaube ist keine Illusion, sondern gründet sich auf echte Erfahrungen, nicht auf Illusionen, Halluzinationen oder dergleichen. Niemals wird man einen Sinn des Lebens im mathematisch-naturwissenschaftlichen Sinne finden, denn der Sinn übersteigt den Verstand und hat mit Wahrheit, nicht so sehr mit Wissen zu tun! Doch zu aller Zeit hat es Menschen gegeben, die geglaubt haben, die reale Erfahrungen gemacht haben, die sie an einen persönlichen Gott glauben ließen. Freilich bleibt einem dies verschlossen, wenn man einen solchen Menschen nach seinen Erfahrung fragt und selbst kein solches Erlebnis je selbst hatte. Erfahrungen können nicht übertragen werden, darum wird ein Mensch nicht durch die Glaubenserfahrung eines anderen gläubig. Nein, denn ein solcher Mensch muss einem rätselhaft bleiben. Wer nicht glaubt, kann nicht verstehen, wie der Glaube sich für einen Gläubigen anfühlt, welche Erfahrungen er machte. Das ist die „Schwäche“, wenn es darum geht andere die nicht glauben seinen Glauben mitzuteilen. Entweder werden sie nicht verstehen, was da vor sich geht oder sie glauben möglicherweise sogar, dass mit einem etwas nicht in Ordnung sei. Das Beispiel von Glaubenden aller Zeiten kann einem aber sehr leicht vor Augen führen, dass es sich dabei nicht um „Verrücktheiten“, „Weltflucht“, „Aberglauben“, „Naivität“ oder dergleichen handelt. Wenn einer, der nicht glaubt, ehrlich zu sich selbst ist, muss er einfach vor einem Rätsel stehen, erklären kann er es sich nicht.

Thomas von Aquin hat geschrieben, dass der Mensch „fähig zum Unendlichen“ sei. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass dies stimmt. Der Glaube ist kein Aberglaube, sondern Realität, eine Realität erfahr-, aber nicht beweisbar (im herkömmlichen Sinne) ist. Wer der Wahrheit selbst Grenzen gesetzt hat, indem er enge Regeln der Wahrheitserkenntnis gesetzt hat, wird sie so nicht erkennen. Eine Sache muss hier aber noch ganz deutlich gesagt werden. Der Glaube ist ein Geschenk, nicht jedem wird er gegeben und der Mensch kann den wahren Glauben auch nicht durch einen eigenen Willensentschluss herbeiführen. Der Glaube kann durch keinerlei Handlungen, Gedanken oder Worte des Menschen selbst bewirkt werden. Gerade deshalb scheint es auch so schwer für viele Menschen zu sein, zu glauben.

Aber welche der drei Antwortmöglichkeiten einer auf die Frage des Sinnes des Lebens geben mag, immer ist es eine Entscheidung, die der Mensch selbst trifft. Der freie Wille des Menschen gibt ihm die Möglichkeit „ja“ oder „nein“ zum Glauben zu sagen. Welche Entscheidung haben Sie getroffen?!

Dienstag, 27. April 2010

Buddhismus - ein Irrweg?

Ich gestehe! Viele Jahre lang habe ich mich intensiv mit dem Buddhismus beschäftigt, habe ohne Unterlass meditiert, Regeln befolgt, Lehrmeister aufgesucht, immer auf der Suche nach Erleuchtung. Ich selbst habe auf diesem Blog einige Texte, die sich mit Buddhismus beschäftigten veröffentlicht. Nun bedauere ich zutiefst dies getan zu haben und habe auch alle Texte gelöscht, um weiteren Schaden zu verhindern. Heutzutage ist es sehr leicht auf den Buddhismus als „alternativen Weg“ zu den, bei uns traditionellen, Religionen zu gelangen oder, wie in meinem Fall, eine Kombination von Buddhismus und Christentum anzustreben. Oft wurde mir versichert, von scheinbar kompetenter Seite, dass etwa buddhistische Meditation ohne weiteres mit der Ausübung des Christentums vereinbar sei. Doch jetzt weiß ich, dass dies der größte Unsinn ist, den man verbreiten kann. Der Buddhismus ist mit dem Christentum in keiner Weise zu vereinbaren! Dies ist nicht nur ein Irrtum, mehr noch es ist eine infame Lüge! Der Buddhismus verdient nicht einmal die Bezeichnung „Religion“. In Wahrheit gehört der Buddhismus in den Bereich der Esoterik. Nicht das letztgültige, der Schöpfer selbst ist das Ziel, sondern der Kosmos mit seiner sichtbaren und seiner unsichtbaren Welt. Als ich früher Fragen über Gott im Buddhismus gestellt hatte, wurden mir die unterschiedlichsten Antworten gegeben. Einerseits wurde gemeint, die Frage nach Gott sei nicht relevant, andere glaubten Gott (wobei im Buddhismus meist in der Mehrzahl gesprochen wird) sei eine Erscheinung des Geistes selbst, die man aufgeben müsse. Und dann gab es da noch die Meinung, Gott und Schöpfung seinen identisch, Gott sei so etwas wie die „Matrix“ hinter der Welt. Damit wird dem Pantheismus Tür und Tor geöffnet. Die Schöpfung selbst als Schöpfer? Welch ein Unsinn!

In Wahrheit ist der Buddhismus kein Weg der Befreiung und kein Weg zum Glück, sondern zum Verlöschen und dieser statuengleiche, gefühllose, gedankenlose Zustand wird dann als glückselig beschrieben. Der Buddhismus beschäftigt sich zwar mit der materiellen und der psychisch-spirituellen Welt, doch überschreitet er diesen Rahmen niemals, ja er leugnet sogar ein Vorhandensein von mehr. Der Buddhismus besagt ja, dass alle Dinge ihrem Wesen nach leer seien und dass alles Dasein aus den fünf Daseinsaggregaten, den so genannten „Skandhas“ (Körperlichkeit, Gefühle, Gedankenformationen, Wahrnehmungen, Bewusstsein), zusammengesetzt sei. Die Wahrheit ist nach Ansicht des Buddhismus das, was übrig bleibt, wenn diese Skandhas weggefallen seien.

Das Ziel des Buddhismus ist, wie schon gesagt die Erleuchtung, das völlige Verlöschen und damit Ablehnung des Lebens. Natürlich wird das nicht so gesagt, das Leben, wie wir es kennen, soll als illusionär erkannt werden, wir hätten alle Buddha-Natur und deshalb sei uns das Erkennen der Leerheit möglich. Erleuchtung heißt das Nichtvorhandensein von Leid. Hört sich unglaublich toll an und dazu das liebe, freundliche Lächeln der kahlköpfigen Mönche. Wer kann da schon an Böses glauben? Doch die Wölfe kommen immer im Schafspelz. Das Böse steht uns oft lächelnd gegenüber und lockt uns mit Angeboten, wie etwa das Verschwinden des Leides. Besonders Menschen, die nach Glückseligkeit suchen, die eine friedvolle Welt sich ersehnen, werden leicht vom Buddhismus eingefangen. Ich selbst stellte mir unter Erleuchtung das absolute Glück vor, das Höchste vom Höchsten, das Beste vom Besten. Wer kann schon gegen eine solche Verheißung sein?!

Doch erkannte ich, wenn auch sehr spät und nach langem Kampf, dass der Buddhismus in dieser Zwischenwelt stecken bleibt, in der sich auch die ganze Esoterik abspielt. Die Welt von allen möglichen Geistern, Dämonen, Engeln, Lichtgestalten, Naturgeistern und dergleichen (die mich nie interessierten). Diese Welt existiert wirklich, das wissen auch die Religionen, deshalb leugnen sie nicht wie die Materialisten oder die Wissenschaften diese Welten und ihre Bewohner. Es ist auch kein Problem für den Menschen mit diesen Wesen Kontakt aufzunehmen. Jeder der ernsthaft über einen längeren Zeitraum meditiert, hat Erfahrungen mit dieser Welt gemacht (wobei das Erkennen notwendigerweise wie mit allem nur im Geiste des Menschen geschieht und eine tatsächlich vorhandene "geistige" Welt selbst ein Erklärungsversuch bleibt). Die Verblendung geht manchmal so weit, dass manche glauben, sie würden jetzt ihr „wahres Wesen“ oder gar „Gott“ erkennen.

Was aber die Wahrheit betrifft, so ist diese nur in Gott zu finden und dieser ist nicht der Kosmos, nicht die Matrix, nicht die geistige Welt, sondern der Schöpfer. Der Buddhismus konnte niemals in diese Welt eindringen. Wie auch? denn die Verbindung mit Gott ist eine Gnade Gottes und nichts was der Mensch einfach so selbst in die Hand nehmen könnte. Der Buddhismus aber glaubt das Höchste im Verlöschen, in der Verneinung der Welt (sie sei ja illusorisch), zu finden, die Gegensätze sie soll „transzendiert“ werden, der Gegensatz, der Kampf soll beendet werden um einen nichtexistenten ewigen Ruhezustand zu erreichen. Der Sinn des Christentums ist die Versöhnung mit Gott! Das ist der Grund, warum jemand Christ ist. Dabei geht es um viel mehr, als um ein Zurruhekommen „in der Welt“. Als Christ ist man in der Welt aber nicht von der Welt. Etwas, das der Buddhismus niemals sagen kann!

Noch einmal: Christentum und Buddhismus widersprechen sich, die Gegensätze sind unüberbrückbar und es muss eindringlich davor gewarnt werden eine „Einheitsreligion“ zu schaffen, in der sich jede Religion wieder finden kann. Was nicht warm und nicht kalt, sondern lau ist, das muss verworfen werden! Der Buddhismus sieht Gott nicht als das Höchste, nicht als den Schöpfer, sondern als etwas, das ebenfalls abgelegt werden müsste. Damit wird der Mensch höher als Gott, damit sieht es so aus, als ob der Mensch selbst Schöpfer seiner selbst wäre. Völlig unvereinbar mit dem Christentum ist die Idee der Reinkarnation. Jemand, der an Wiedergeburt glaubt, kann nicht Christ genannt werden. Wiedergeburt ist ebenfalls eine Irrlehre, gewonnen durch den Umgang mit der „Geisteswelt“, doch sehr verlockend, weil dadurch scheinbar Dinge erklärbar werden, die sich einer Erklärung entziehen. Im Ergebnis ist der Buddhismus einfach zu niedrig, um zur Absolutheit vorzudringen! Alles, was er zu bieten hat ist die Auflösung dessen, von dem er glaubt es sein eine Illusion (sichtbare und unsichtbare Welt). Der Buddhismus ist eine große Gefahr, unter anderem auch für unsere freie Gesellschaft und im Kern völlig gefühllos: keine Liebe, keine Güte, keine Vergebung – alles Dinge, die einem im Christentum zugute kommen.

Sonntag, 25. April 2010

Oliver Cromwell (1599 -1658)

Mit diesem Artikel beginne ich eine Serie von kurzen Biographien über große Persönlichkeiten der Geschichte, die ich für mich persönlich in irgendeiner Weise inspirierend finde. Den Anfang mache ich dabei mit der wohl berühmtesten Gestalt der Englischen Geschichte des 17. Jahrhunderts – mit Oliver Cromwell. Der Name Oliver Cromwell ist untrennbar mit der kurzen und einzigen Periode verbunden, in der England eine Republik war. (Und ganz nebenbei ist heute am 25. April sein 411. Geburtstag).

„Cromwell war ein Mann, in dem der Ehrgeiz das religiöse Gefühl nicht vollständig unterdrückt, sondern lediglich vorübergehend in den Hintergrund gerückt hat“ – Edmund Burke (1729 – 1797)

Der Name Cromwell spielte in England bereits im 16. Jahrhundert eine bedeutende Rolle. Thomas Cromwell (1485 – 1540) diente als Staatskanzler unter König Heinrich VIII und war maßgeblich für die Reformation in England, in deren Entwicklung die Krone die Oberhoheit über die Kirche erlangte, verantwortlich. Letztendlich nutze ihm das jedoch wenig, denn der König ließ seinen einst treuesten Gefolgsmann hinrichten (etwas, das unter Heinrich dem VIII recht oft geschah, nicht nur den Frauen des Königs). Oliver Cromwell stammte von einem der Neffen Thomas Cromwells ab.

Oliver Cromwell wurde am 25. April 1599 in Huntington geboren, wuchs in East Anglia unter dem puritanischen Landadel auf und besuchte nach der Absolvierung des örtlichen Gymnasiums das Sidney Sussex College in Cambridge. Wie viele seiner Vorfahren studierte er die Rechte, womit er für die Verwaltung, den Staatsdienst, die richtigen Voraussetzungen mitbrachte. Seine Jugend verlief unspektakulär und entsprach ganz dem Stereotypen des niederen puritanischen Adels und daran änderte sich auch nichts, bis er 1628 Mitglied des Unterhauses in Westminster wurde. Cromwell war lange Jahre ein Abgeordneter unter vielen und fiel in keiner Weise besonders auf, außer vielleicht durch seinen strengen, ehrlich gelebten Glauben. Seine glänzenden Talente als militärischer Führer schlummerten in dieser Zeit noch unerkannt in ihm. In den Jahren nach 1628 hatte der fromme Cromwell eine Art religiöses Erweckungserlebnis, das ihn später unbeirrbar seine Mission ausführen ließ. Er verstand sich fortan, als einen der die göttliche Gerechtigkeit auf Erden durchsetzen sollte. Der glühende Glaube daran von Gott auserwählt zu sein und von ihm zum Sieg geführt zu werden, hatte einen entscheidenden Einfluss auf die Kampfmoral von Cromwells Truppen, die ihn den „Engländer Gottes“ nannten.

Als 1642 der Englische Bürgerkrieg ausbrach, war Cromwell einer der aktivsten Parteigänger des Parlaments, welches dem Versuch König Karls I. die absolute Monarchie in England durchzusetzen, entschieden entgegen trat. Cromwell trat selbst in die Armee im Range eines Captains ein. Die Royalisten erzielten bald einen ersten Erfolg bei Edgehill, woraufhin die Truppen des Parlaments neu organisiert wurden. Cromwell nahm eine Schlüsselposition dabei ein und hob neue Truppen aus und trainierte sie in seiner Heimat East Anglia. Dabei legte er in erster Linie auf den Charakter seine Soldaten wert: Strenge, vom Feuereifer für die „göttliche Sache“ entbrannte Puritaner, die gewohnt waren Entbehrungen auf sich zu nehmen und sich durch besonders großen Mut und Disziplin auszeichneten. Männer, die bereit waren für die eigene „gute“ Sache zu sterben und die, wenn es darauf ankam, nicht zögern würden in den Tod zu gehen. Cromwells Menschenkenntnis und seine überragenden Führungsqualitäten zeigten sich nun deutlich und überraschte viele, die ihn bisher für einen langweiligen Prinzipienreiter und Mann aus den hinteren Reihen des Parlaments gehalten hatten.

Die Truppen Cromwells waren überaus erfolgreich und fügten den Royalisten schwere Verluste zu. Die beiden größten militärischen Meisterleistungen gelangen ihm 1644 bei Marston Moor und 1645 in der berühmt gewordenen Schlacht bei Naseby. Trotz seiner strengen religiösen Haltung war Cromwell kein Fanatiker. Im Gegenteil, er blieb vernünftig und nahm eine gemäßigte Position gegenüber den radikaleren Gruppen ein, die später als die Diggers und die Levellers bekannt wurden. Cromwell misstraute dem König Karl weiterhin, als der erste Bürgerkrieg beendet war und setzte durch, dass die Armee nicht wie von vielen gewollt aufgelöst wurde. Wie Recht er damit haben sollt, zeigte sich 1648, als der König eine Allianz mit Schottland schloss und damit den zweite Bürgerkrieg entfachte. Darauf folgte der Prozess gegen Karl und dessen Hinrichtung unter Cromwell im Jahre 1649. Diese Hinrichtung löste Schockwellen in ganz Europa aus, vor allem in Frankreich, das gerade dabei war die absolute Monarchie zu festigen. England blieb über lange Zeit ein negatives Beispiel für die Absolutisten auf dem Kontinent. Für das Inselreich selbst stärkte es das Selbstbewusstsein der Bürger und des Adels und führte in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, als die Freien Engländer Grundrechte zugestanden bekamen, zu einer Freiheit von denen die Bürger im sonstigen Europa nur träumen konnten.

Nach dem Tod des Königs war es für Cromwell das größte Problem eine Verfassung auszuarbeiten, die vom Parlament und von der Armee akzeptiert werden konnte und die eine rechtliche Stabilität garantierte. Die Zivilisten wünschten keinen Militärdiktator, die Armee keine Herrschaft des Königs. Bis zu Cromwells Tod beschäftigte ihn diese entscheidende Frage. Cromwell suchte eine „göttliche Reform“ durchzuführen, ein umfassendes Programm, das Ungerechtigkeiten beseitigen sollte und sich gegen Unmoral, die Sünde im Allgemeinen und vor allem die Trunkenheit richtete. Er selbst war ein glühender Anhänger dessen, was er „die Freiheit des Bewusstseins“ nannte, das ungestörte Leben von religiösen (protestantischen) Gruppen, die allerdings auch andere Gruppen nicht tangieren sollten.

Nach der erfolgreichen Niederschlagung von Aufständen in Irland und dem Kampf gegen die dortigen Katholiken, wurde Cromwell 1653 vom Staatsrat zum Lord Protector ernannt. Cromwell wurde damit der faktische Herrscher Englands mit enormer Macht, nicht nur in Engaland selbst, sondern auch in Schottland und Irland. Elf von Cromwell ernannte Generäle verwalteten das Land. Die religiöse Toleranz nahm zwar etwas zu, doch war die Herrschaft dieser Generäle mehr als unbeliebt und so dauerte diese Periode nicht länger als 18 Monate. 1656 wurde Cromwell vom Protektoratsparlament die Krone angeboten, welche er nach intensivem Gewissensstudium ablehnte. Das Problem mit einem verbindlichen, zufrieden stellenden und haltbaren Verfassungszustand bestand über den Tod Cromwells 1658 weiter fort.

Außenpolitisch waren die Jahre Cromwells von großer Bedeutung. England wurde zum ersten Mal zu einer großen See- und Militärmacht. Der erste britisch-holländische Seekrieg (1652-1654) endete für die Briten siegreich. Dieser Krieg war eine Folge der Navigationsakte Cromwells von 1651. Darin wurde der Zwischenhandel unterbunden. Schiffe durften britische Häfen nur anlaufen und ihre Waren löschen, wenn sie entweder unter britischer Flagge fuhren oder direkt aus dem Herkunftsland der Waren kamen. Darunter litten vor allem die Holländer, die vom Zwischenhandel lebten. Mit Frankreich schloss Cromwell eine Allianz gegen Spanien, die sich als siegreich erweisen sollte. Britannien erhielt Jamaika und dehnte seinen Einfluss in Westindien aus. Die Vorherrschaft der Spanischen Flotte war bereits 1588 durch die Vernichtung der Spanischen Armada gebrochen worden.

Cromwell ist wohl die kontroverseste Figur der Englischen Geschichte überhaupt. Wie alle Großen ist er für die einen ein Held, für die anderen ein Schurke. Viele sehen in ihm den Bewahrer des Englischen Staates in turbulenten Zeiten, den Prinzipien mehr interessierten, als die Macht (nachdem er die Krone abgelehnt hatte). Andere bewundern sein militärisches und auch politisches Genie (vor allem außenpolitisch). Seine Gegner kritisierten ihn als Diktator und vor allem die Schotten und Iren (blutige Niederschlagung von Aufständen und Katholikenfeindlichkeit) sehen in ihm einen Tyrannen. In einem aber sind sich alle einig, dass Cromwell ein Mann von herausragendem Charakter und harten Prinzipien war, die er nicht verriet.

Oliver Cromwell starb am 3. September 1658 in Westminster.

Donnerstag, 22. April 2010

Über die Schönheit

Jetzt, wo der Frühling in unser Land Einzug gehalten hat, ist es recht nahe liegend die Empfindung der Schönheit zu erleben. Alles blüht wieder von neuem auf, lebendige Farben erheben sich gegen einen sattblauen Himmel im strahlenden, warmen Sonnenschein. Die unterschiedlichsten Düfte erfüllen die Luft in den Gärten und die Tierwelt findet wieder reichlich Futter und viele Wald- und Wiesenbewohner freuen sich über Nachwuchs (zum Beispiel die Frischlinge im Wildpark ganz in meiner Nähe). Kurzum, es ist die rechte Zeit, um sich der Schönheit, nicht nur in der Natur, wieder einmal bewusst zu werden.

Schönheit ist eine Erfahrung, die alle Menschen in ihrem Leben machen. Sie ist in der Lage den Menschen über das bloß Materielle hinaus zu führen, darin liegt ihr größtes Potenzial, denn als äußeres Zeichen, kann sie uns ein inneres Wesen offenbaren. Doch auch die Schönheit hat eine dunkle, eine negative, Seite. Genauso, wie sie über den bloßen Schein hinausführen kann, kann die Schönheit uns auch in der materiellen Welt gefangen halten. Es kann zu einer Fixierung auf den schönen Schein kommen und dadurch wird der Mensch unfrei. Sehen, ohne Verstehen, kann nur zu so einem Ergebnis führen. Gerade das ist die große Gefahr, die sich in unserer Zeit derart breit gemacht hat. Anstatt das Göttliche in und hinter der Schönheit zu erkennen, wurde sie zu einem Kult um reine Äußerlichkeiten, der groteske Züge annimmt. Wie sehr die Menschen von ihrer eigenen Schönheit, ihrem eigenen Wesen, getrennt sind, sieht man gerade darin, dass allzu oft Idealen des Zeitgeistes nachgejagt wird. Die Unfreiheit, die darin liegt, ist ohne weiteres zu erkennen, sind es doch andere die darüber bestimmen, wie diese Ideal auszusehen haben und es ist der Großteil der Menschen, zumindest in der westlichen Welt, der sich diesen Idealen unterwirft.

Die Schönheit ist ein Mittel, das uns helfen kann das Wesen der Dinge zu erkennen, durch rechtes Erkennen, kann sie in unserem Leben aktiviert werden. Wenn wir nicht beim Schein stehen bleiben, dann können wir Befreiung erlangen, Befreiung von der Anhaftung an die Dinge. Schönheit ist eine Empfindung, die das Heilige im Menschen anspricht, es ist eine Erfahrung, die Menschen überall auf der Welt, unabhängig von Kultur und Zeitepoche, machen, im Kern trägt sie etwas Ewiges mit sich. Schönheit ist in jedem Fall ein positiv besetzter Wertbegriff. Es ist nicht verwunderlich, dass gerade der Kunst die Aufgabe zukam die Schönheit abzubilden, in all ihren Formen. Dass die Natur und natürlich der Mensch selbst, als Übungsobjekt dazu dienten, versteht sich von selbst. Doch gibt es keinen Bereich des menschlichen Lebens, indem nicht zumindest ein Quäntchen Schönheit auszumachen wäre. Freilich muss man dazu zuweilen sehr tief graben, wenn die Oberfläche uns ein völlig konträres Bild liefert.

Es wäre aber zu kurz gegriffen, wenn man davon ausginge, dass Schönheit alleine eine subjektive Empfindung wäre. Es lässt sich leicht feststellen, dass es Dinge gibt, die von den allermeisten Menschen als schön empfunden werden und zwar ohne, dass dies einer gesellschaftlichen Konvention oder dem Zeitgeist entspräche. In der Philosophie beschäftigt sich ein eigener Zweig, die Ästhetik, mit dem Begriff der Schönheit. Schönheit wurde immer schon als eine Eigenschaft von Menschen und Gegenständen aufgefasst. Darüber hinaus ist sie aber auch das Ergebnis des Urteils des Verstandes. Schönheit kann in diesem Sinne auch als „Schönheit des Denkens“ verstanden werden. Rechtes Denken, im Sinne von konstruktiver geistiger Beschäftigung, die auf Wohlsein ausgerichtet ist, Leid beendet und Glück herbeiführt, ist immer schönes Denken. Schön und Recht sind untrennbar miteinander verbunden. Kein Wunder, das Platon schon, das Gute, das Schöne und das Wahre in einem Zuge nannte und sie zu seinen Idealen erhob.

Schönheit ist also mehr als ein bloßes Geschmacksurteil. Es ist zynisch, wie viele Menschen behaupten, Schönheit läge nur im Auge des Betrachters. Es scheint, dass es Leute gibt, die sich einer wahren Beurteilung nach Maßstäben der Schönheit dadurch entziehen wollen, dass sie ein solches Urteil auf die reine Subjektivität verlegen und damit ein objektives Urteil verunmöglichen. Es ist eine Krankheit der Zeit, Schönheit nicht mehr als Schönheit erkennbar machen zu wollen. Am Ende ist alles schön oder hässlich zugleich. Es ist keine Frage, dass so der Dilettantentum und der Scharlatanerie Tür und Tor geöffnet sind – das kann niemals im Interessen einer Kultur sein, die für sich in Anspruch nimmt von Bedeutung zu sein.

Was den Streit um Geschmacksurteile betriff, so ist ein solcher nicht zielführend, ein Streit ist im Grunde ein Scheingefecht. Wenn als schön bezeichnet wird, was als angenehm empfunden wird, dann ist schön bei jedem etwas anderes. Und jeder hat Recht, denn was ich als angenehm empfinde, kann niemand in Abrede stellen. Mehr noch, es wäre eine persönliche Beleidigung, hieße es doch, dass ich entweder gar nicht wirklich empfände, was ich fühle oder dass ich nicht in der Lage wäre, zu wissen, was ich fühlte. Nach Kant hat ein ästhetisches Urteil sehr wohl Anspruch auf allgemeine Gültigkeit beanspruchen, da es zwar subjektiven Ursprungs sei, aber trotzdem auch über das Empfinden der anderen miturteilt. Über Schönheit als Empfindung könne man streiten, was naturgemäß über das Angenehme nicht möglich ist.

Das Wesentliche an der Schönheit ist, dass sie in ihrem Kern ein Mysterium trägt, das sich jeder rationalen Betrachtung entzieht, das nur direkt erfasst werden kann und selbst die schönsten Dichterworte können sie nicht beschreiben, sondern nur darauf hinweisen. Darin liegt die Stärke der Poesie. An der Art, wie eine Kultur zur Dichtkunst steht, kann auch darauf geschlossen werden, wie es um die Verbindung zur Schönheit als solche bestellt ist. Viel haben wir in der Vergangenheit über Schönheit gehört und vieles davon hat nicht gerade zur Klarheit beigetragen. Was aber letztendlich für den einzelnen von Bedeutung ist, ist das Empfinden der Schönheit im eigenen Leben, worin dies auch immer seinen Ursprung haben mag. In diesem Sinne kann ich nur sagen: „Wanderer öffnet deine Augen und Ohren, sieh und höre, was die Welt dir zu sagen hat, vereine deinen Geist mit dem der Welt und dir wird so manche verborgene Wahrheit kundgetan!“

Dienstag, 13. April 2010

Über die Gefahren des Lesens

Lesen so meint man allgemein, sei eine höchst wünschenswerte Tätigkeit des Menschen. Es wird oft bedauert, dass die Leute heutzutage nicht mehr läsen, dass die sprachliche Ausdrucksfähigkeit nicht mehr das sei, was man früher, auch unter einfacherem Volk, antreffen konnte und dass insbesondere bei der Jugend neuere Medien wie Fernsehen, Internet und Videospiele Vorragen vor dem guten alten Buch genössen. Was soll also gefährlich daran sein zu lesen? Die Gefahren des Lesens sind zweierlei. Einerseits geht es um den Inhalt der Lektüre. Dies ist offensichtlich und historisch auch der Ursprung des Begriffs „Lesesucht“, der zum ersten Mal 1773 im Werk „Briefe über die Erziehung von Frauenzimmern“ von Rudolf Heinrich Zobel, gebraucht wurde. Man hielt lange Zeit vor allem Frauen und Jugendliche als gefährdet der Literatur zu verfallen und deshalb in der Folge ihre Pflichten im Leben zu vernachlässigen. Zudem hielt man viele politische, philosophische und träumerische Bücher für gefährlich, da sie den Geist vergifteten und unerwünschte Gedanken in die Köpfen einimpfen würden. Als dann 1774 Goethes „Leiden des jungen Werther“ erschien und einige Leute in romantische Melancholie (mit anschließendem Selbstmord) versetzte, kam die Diskussion um die Gefahren des Lesens so richtig auf. Im 19. Jahrhundert war es dann insbesondere die erotische Literatur, die als zutiefst verderbt angesehen wurde und kein anständiges Frauenzimmer sollte sich derartigem „Schund“ hingeben.

Wovon hier aber die Rede sein soll ist die zweite Art der Gefahren durch das Lesen, nämlich die allgemeine Gefahr das Leben nur durch Bücher zu erfahren. Dadurch wird das Lesen zu einer Art Hindernis zwischen dem Studierenden und der „wahren“ Welt. Denn allzu oft hat der „Gelehrte“ nichts weiter vorzubringen als darauf zu verweisen, er habe etwas in einem Buch gelesen und der Autor würde schon wissen, was er schriebe. Da gibt es etwa die Prognosen über die Zukunft, etwa welche Erfindungen noch gemacht werden würden, man würde sicher in fünfzig Jahren auf dem Mars Trabantenstädte errichten und dergleichen. Doch wenn der Leser dann erklären soll, wie das genau vonstatten gehen soll, dann weiß er darauf auch nichts anderes zu sagen, als er habe es in einem Buch gelesen und er Autor sei ein anerkannter Zukunftsforscher, deshalb könne man ihm wohl glauben. Der Lesende ist dann oft überrascht oder gar erzürnt, dass die Mitmenschen, denen Lesen nicht so am Herzen liegt wie ihm, ihm keinen Glauben schenken oder sich gar über ihn lustig machen. Da ist es nur ein Schritt, dass man sich selbst als überlegen betrachtet und die anderen als dumme Tölpel ansieht, denen die Bildung völlig abginge. Würde der Leser einmal ernsthaft in den Spiegel schauen, dann käme er schon drauf, dass es mit seinem Wissen auch nicht weit her ist, es ist ja nicht durch sein eigenes Denken entstanden, sondern ist im Grunde nichts anderes als ein papageienhaftes Nachplappern dessen, was ein vermeintlich großer anderer geschrieben hat. Es gilt eben immer noch das alte Sprichwort von der Macht des geschriebenen Wortes. Sagt man einen Unsinn, so lacht die Welt, doch schreibt man ihn nieder, dann glaubt sie, dass es damit wohl etwas mehr mit der Wahrheit auf sich hat. Auf der anderen Seite gibt es ja auch das Sprichwort, dass Papier geduldig sei. Und nie traf dies mehr zu als in unserer Zeit, in der jeder auf Papier, oder noch mehr in elektronischer Form, sein geschriebenes Wort in die Welt hinausposaunen kann, ob es den anderen nun gefällt oder nicht und völlig einerlei von der Qualität des Geschriebenen.

Einen solchen Charakter entdeckte ich im Roman „Sonderlinge“ des Bregenzerwälder Schriftsteller Franz Michael Felder (1839-1869). Der Sohn einen reichen Bauern wird von seinem Vater dazu erzogen zu studieren und sich von der Welt zurückzuziehen und auf die einfachen dummen Bauern zu schimpfen, die ja ohnehin nichts im Kopf hätten, deren Sitten völlig verroht seien und deshalb keinen Umgang für den Junior seinen. Der Sohn wird zum „Sonderling“, der zwar viel weiß, aber eben alles nur aus den Büchern, einer, den „die schwarzen Leute in der Ferne mehr interessieren, als den Nachbarn und dessen Hof“. Die große Wandlung kommt dann, als der freundlose, unglückliche Sohn doch einmal sich entschließt unter die Menschen zu gehen und als „Küher“ (Kuhhirte auf der Alp) einen Sommer lang mit einem Beiknecht und dem Senn selbst die Kühle des Ortes auf der Alp zu hüten und dort zu leben. Der Senn bringt den verwöhnen Stubenhocker in Verbindung mit der Natur und indirekt auch mit den Menschen, und als der September kommt und die Kühe wieder in den Ort hinabgetrieben werden, ist der „Sonderling“ schon ein anderer Mensch geworden, wenn es auch noch eine harte Zeit werden sollte in den folgenden Monaten, da die sozialen Künste nun erst recht auf die Probe gestellt werden.

Diese Geschichte erscheint mir ein Paradebeispiel dafür zu sein, was passieren kann, wenn man Bücher nicht deshalb liest, weil man eine bestimmte Information braucht, sondern um seine Zeit totzuschlagen und einen Wall zwischen sich und der lebendigen Erfahrung zu errichten. Lesen kann zur Sucht werden, wie auch der Alkohol oder die Spiel- und Einkaufssucht. Die schädlichen Folgen werden meist nicht erkannt, eben weil das Lesen in hohem Ansehen steht und allgemein als akzeptable, wenn nicht gar erwünschte Freizeitbeschäftigung gesehen wird. Aber Lesen kann einen sehr einsam machen. Wissen kann durchaus durch Bücher vermittelt werden, wenn eigenes Denken sich der Informationen bedient und das eigene Urteilsvermögen geschärft wird. Doch niemals kann das Lesen die tatsächliche Erfahrung ersetzten und am allerwenigsten kann das Lesen einem Weisheit verleihen, dazu ist nur das Leben selbst in der Lage.

Sonntag, 11. April 2010

Unsere Muster im Kopf

Bevor dieser Artikel beginnt, möchte ich Ihnen eine kleine Aufgabe stellen. Nehmen Sie ein Blatt Papier und einen Stift zur Hand und zeichnen Sie ein Dreieck mit vier Strichen. Die Lösung für dieses Rätsel finden sie am Ende dieses Texts. Sehen Sie dort erst nach, nachdem Sie alles gelesen haben, es sei denn, Sie wollen sich selbst um eine Überraschung bringen.

Es ist eine Eigenart des menschlichen Geistes, dass er Unvollständiges nicht oder nur schwer akzeptieren kann. Wann immer Informationen bruchstückhaft sind und sich ein gesamtes Bild nicht aus den zur Verfügung stehenden Teilen zusammensetzen lässt, dann vervollständigt der Geist die Fragmente zu einem Ganzen. Was an sich noch nicht weiter problematisch wäre, wenn des Menschen Bewusstsein sich darüber im Klaren wäre, dass es dieser Vorgang ist, der in seinem Geist abläuft. Doch in den meisten Fällen ist dem nicht so. Der Mensch nimmt einerseits über seine Sinnesorgane eine Unmenge an Informationen auf, die jedoch nur zum geringsten Teil integriert werden. Die allermeisten Informationen wandern am Bewusstsein vorbei in dunklere Bereiche des Geistes. Aus den wenigen Teilen, die ins Bewusstsein gelangen, wird dann ein Bild geschaffen, das die betreffende Person als „wahr“ ansieht. Man spricht ja im Deutschen auch von „Wahr-Nehmung“. Was in unser Bewusstsein gelangt ist dass, was wir für „wahr“ halten. Es ist nicht schwer zu erkennen, dass das, was wahrgenommen wird, nicht unbedingt etwas damit zu tun haben muss, was tatsächlich wahr ist.

Zusätzlich zu dieser Erkenntnis muss auch berücksichtigt werden, dass unsere Wahrnehmung der Umwelt, und auch von uns selbst, niemals die tatsächliche Gegenwart repräsentiert, selbst dann nicht, wenn es möglich wäre alle eingehenden Informationen dem Bewusstsein zugänglich zu machen. Zwischen den Ereignissen in der Welt, dem Eingang in die Sinnesorgane, und der bewussten Wahrnehmung, vergeht immer Zeit und sei sie auch noch so gering. Immer erhalten wir ein Abbild, niemals die tatsächlichen Gegenwart.

Betrachtet man das obige Bild, mit dem dieser Artikel beginnt, so sehen wir einen oberen Teil, den wir sogleich als zwei Figuren erkennen, die wir als symbolische Darstellungen (Strichmännchen) eines Mannes und einer Frau erkennen. Im unteren Bild dagegen herrscht das blanke Chaos vor. Wir sehen Linien, die in bestimmten Winkeln zueinander stehen und dazu zwei Kreise. In beiden Bildern ist die Information genau die gleiche, aber durch die spezielle Anordnung im oberen Teil des Schaubildes, ergeben sich für unser Gehirn zwei Figuren, die wir erkennen und benennen können.

Dies ist ein amüsantes Beispiel, aber die Auswirkungen im täglichen Leben sind enorm. Wir glauben etwas gesehen oder gehört zu haben, was mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat. Mit Wahrnehmung ist immer auch Täuschung verbunden. Man sollte sich immer fragen, ob man sich ganz sicher sein kann, oder ob man nicht einfach sieht, was man sehen möchte oder wozu man aufgrund vergangener Prägungen prädestiniert ist. In diesem Fall gibt uns die Welt keine wirklichen Informationen, sondern spiegelt nur unsere eigenen Gedanken wider. Wir glauben nur fälschlicherweise, dass die Welt so sei, wie wir sie sehen und vergessen, dass wir zuerst etwas hinein getan haben, das wir im Nachhinein herauslesen wollen. Wir interpretieren nach unserem Willen und nach nichts anderem. Doch meist sind wir uns dessen nicht bewusst, wir schwören Stein und Bein, nicht einer Täuschung zu unterliegen. Es geht hier auch nicht darum, dass jemand wissentlich falsche Informationen weitergibt, sondern dass jemand das sagt, was er allen Ernstes für richtig hält. Ein gutes Beispiel dafür sind Zeugenaussagen bei Verkehrsunfällen. Hat man fünf Zeugen, erhält man auch fünf verschiedene Aussagen, wobei jeder Zeuge von seiner eigenen Ehrlichkeit überzeugt ist und dazu auch jeden Eid zu schwören bereit wäre.

Wir können dem Ganzen nur dadurch entgegen wirken, dass wir uns der Fehlbarkeit bewusst sind und unsere eigenen Motive laufend hinterfragen. Können wir wirklich sicher sein, dass wir die Welt klar sehen können? Welche Motive veranlassen mich eine Sache so oder eben nicht so zu sehen? Philosophen haben schon vor langer Zeit erkannt, dass zwischen der Wahrnehmung und der Welt als Entität (man verzeihe mir den Gebrauch in diesem Zusammenhang) eine Kluft besteht. Die Frage war nicht, ob eine solche Kluft besteht, sondern wie groß sie sei. Daraus ergeben sich ewige Streitereien darüber, ob wir der Wirklichkeit sehr nahe kommen, oder ob wir mehr oder weniger wie Blinde durch ein Universum wandern, von dem wir im Grund nicht nur nichts wissen, sondern gar nicht in der Lage sind, überhaupt je etwas tatsächlich Existierendes zu erkennen. Doch das ist ein anderes Thema. Die Schulweisheit mag uns viele Dinge wahr machen wollen, doch wenn wir uns auf das Leben in seiner ganzen Breite einzulassen vermögen, dann erkennen wir, dass sie nicht den geringsten Teil der Wirklichkeit uns zu vermitteln vermag.
Hier noch die Auflösung des Rätsels von oben. Die meisten werden vergeblich versucht haben ein Dreieck aus vier Linien herzustellen. Dies ist freilich unmöglich und wer so denkt, kann das Rätsel auch nicht erfolgreich lösen. Beachtet man aber die gegebene Anweisung genauer, so sieht man, dass keine Rede davon war ein Dreieck aus vier Linien zu konstruieren, sondern, dass ein Dreieck mit vier Linien zu zeichnen war. Unser Verstand hat hier ganz selbstverständlich ersteres angenommen. So gerät man sehr leicht in die Falle, in eine Sache etwas hinein zu interpretieren, was da überhaupt nicht gestanden hat.