Posts mit dem Label Biographien werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Biographien werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 6. September 2010

Michel de Montaigne (1533-1592)

Mit Michel de Montaigne begegnen wir einem der größten Denker des 16. Jahrhunderts, einem der bedeutendsten Franzosen überhaupt und einem Philosophen, der immer bodenständig blieb und der höchsten Wert auf die praktische Anwendbarkeit seiner Überlegungen legte. Seine Gedanken entstanden denn auch größtenteils aus der Beobachtung des Lebens, oft von recht einfachen Menschen, die er, obwohl aus dem Adel stammend, nicht geringer schätzte, als die „Edlen“. Sein tief humanistisches Denken bereitete unter anderem der Aufklärung den Boden. Viele seiner Ideen waren zu seiner Zeit bereits revolutionär und sind es bis heute geblieben. In Montaigne begegnet uns ein Freund und Vorbild, der uns praktisch in bedeutenden Lebensfragen beraten kann und praktikabel Lösungen anbietet.
Montaigne kam aus einer Kaufmannsfamilie, die erst vor kurzem zu großem Reichtum gelangt war. Der Vater kaufte östlich von Bordeaux das Schloss Montaigne, nachdem sich das Geschlecht nun auch benannte. Der vormalige Familienname lautete Eyquem. Der Vater begleitete den französischen König nach Italien und kam dort mit den Ideen der Renaissance in Berührung. Voller Begeisterung übernahm er selbst die Erziehung seines Sohnes Michel und ließ diesen Latein nach der Naturmethode erlernen. Bald sprach Michel diese Sprache genau so gut, wie seine Muttersprache und es wird berichtet es sei sogar vorgekommen, dass er in Erregung auf Lateinisch geflucht habe. Er wurde weiter in Bordeaux und Toulouse ausgebildet und etablierte sich als junger Mann als Rechtsanwalt. 1565 heiratete er. Aus der Ehe entsprangen sechs Kinder, von denen jedoch nur eines überlebte. 1568 starb Michels Vater und Michel erbte dessen Schloss und sonstige Besitzungen. Im Alter von 38 Jahren zog er sich aus der Öffentlichkeit zurück und widmete sich fortan dem Studium des Lebens, vor allem seines eigenen. Montaigne ist denn auch ein untypischer Philosoph, nicht nur insofern, als er sich genau so der Körperlichkeit des Menschen widmete, wie seines Geistes und praktische Ratschläge erteilte, sondern auch darin, dass er uns in seiner Philosophie am meisten über seine eigene Person berichtet.
Ab 1580 machte er Reisen nach Deutschlang und Italien. In dieser Zeit, trotz seiner Abwesenheit, wurde er zum zweiten Mal zum Bürgermeister von Bordeaux gewählt. Ab 1585 arbeitete er an seinen „Essais“ und lebte, so ruhig und zurückgezogen wie möglich, auf seinem Schloss. Er war ein Mann von rastlosem Bestreben, der stets bereit war alles zu hinterfragen; er konnte sich nicht mit einer fertigen Meinung begnügen, die er nicht bis in alle Einzelheiten untersucht hatte. Die Frage, die er sich ständig stellt lautete: „Was weiß ich?“; Damit trat er an die Welt und ihre Meinungen heran.
Montaigne untersuchte das Leben und stellte fest, dass der Mensch sich oft minderwertig fühlten und zwar aus drei Gründen: 1.) körperliche Nachteile, wie etwa Hässlichkeit, Übergewicht, Körpergröße oder andere Mängel, 2.) durch die Meinung anderer Menschen, die uns für ungenügend halten und 3.) durch das Gefühl mit dem Verstand einer Sache nicht gewachsen zu sein, das Empfinden von intellektuelle Minderwertigkeit.
Montaigne akzeptierte die Natur des Menschen und wies darauf hin, dass der Mensch viel Tierisches an sich hat und dass dies nichts Schlechtes sei, vor allem die Sexualität und die Geschlechtsteile sah er als positiv an. Wir sollten beim Körperlichen die Tiere zum Vorbild nehmen, die sich niemals schämen würden, sich niemals minderwertig fühlten, egal wie auch immer sie aussehen mögen. Das Schlimmste, was ein Mensch tun kann, ist sich selbst zu verachten, leider eine Fähigkeit des Geistes, der sich gegen seinen Körper stellen kann. Bis zu Montaigne glaubten Philosophen, dass der Mensch glücklich werden könne, weil er denken kann, weil er einen Geist hat. Montaigne hingegen fand heraus, dass gerade der Geist die Ursache für das Unglück des Menschen werden kann, vor allem durch die Erschaffung von innerer Idealvorstellungen und durch Vergleiche mit anderen, die mit der Wirklichkeit nicht übereinstimmen und sehr leicht zum Empfinden von Minderwertigkeiten führen kann. Das nächste Problem des Geistes ist, dass er sich einbilden kann, dass er wüsste, was richtig ist, uns arrogant macht und uns dazu bringt diese Ansicht auf andere Menschen zu übertragen, sie dazu zu bringen, die Welt so zu sehen, wie wir es tun.
Jede Kultur hat ihre Ansichten darüber, was normal ist, davon abzuweichen bringt einen sehr schnell in Konflikt mit ihr. Menschen entscheiden sehr schnell und ohne Reflexion, was richtig ist und was nicht und verfolgen die Nichtkonformen. Vorurteile bekämpft man sehr gut dadurch, dass man auf Reisen geht und sich andere Kulturen ansieht. So sieht man, dass „normal“ ein völlig relativer Begriff ist. Durch Reisen sieht man klarer, wie der eigene Glauben sich gebildet hat und wie er entstanden ist. Wenn man mit Vorurteilen anderer konfrontiert ist, ist Reisen eine gute Hilfe.
Wenn man sich minderwertig fühlt aufgrund dessen, was andere Menschen von einem denken, dann empfiehlt Montaigne, dass man sich die entsprechenden Personen auf der Toilettenschüssel vorstellt. Auch wenn einer auf dem Thron sitzt, sitzt er immer noch auf dem Hintern.
Montaigne kritisiert auch die Ansicht, dass akademische Qualifikation etwas mit Weisheit zu tun hat. Das Schulsystem belohnt das Lernen, nicht Weisheit. Es ist sehr leicht möglich dass einer völlig unweise ist, aber mehrere Doktortitel besitzt, genau so wie einer niemals eine höhere Schule besucht haben kann, aber sehr weise ist. Eine Dummheit unserer Gesellschaft ist es, dies nicht zu glauben und aus Titel und Auszeichnungen auf Fähigkeiten zu schließen. Es wird so verständlich, dass Menschen eher nach akademischer Qualifikation, als nach echter Weisheit streben. Ein Großteil der Akademiker ist nicht an der Wahrheit, sondern an Erfolg, Reichtum und Ansehen interessiert und dazu bedarf es keiner Weisheit.
Gegen die dritte Art von Minderwertigkeit, die intellektuelle wirken diese Überlegungen sehr gut. Jeder Mensch hat die Fähigkeit zu denken, jeder kann ein Philosoph sein, das heißt ein Mensch der seinen Verstand verwendet und durch Denken sich Freiheit von der Meinung anderer verschafft. Wer selbständig denken kann, der fühlt sich sicherer mit sich selbst und bedarf der Zustimmung der anderen nicht. Der Dumme braucht immer die anderen und ist deshalb der Sklave der Gesellschaft und ihrer Autoritäten.
Ein berühmtes Zitat von Montaigne lautet: „Ruhm und Geistsruhe können niemals Bettgenossen sein.“


Fragen zur Weisheit (meine Fragen, nicht diejenigen Montaignes):

• Sind die Gefühle und Gedanken anderer Menschen von Bedeutung?
• Wie wird ein Mensch glücklich?
• Was soll man tun, wenn man verärgert, frustriert oder traurig ist?
• Wie führt man gute Beziehungen? Wie baut man sie auf? Wie beendet man sie?
• Warum leben Menschen ihr Leben auf die Art und Weise, wie sie es jeweils tun?
• Ist es besser erfolgreich und unehrlich zu sein oder wahrhaftig dafür einsam, arm und erfolglos?
• Hat Bildung etwas mit Weisheit zu tun?
• Was ist ein wertvolles Leben?
• Gibt es Menschen, die anderen gegenüber höherwertig sind?
• Ist es richtig Dinge als wahr anzunehmen, obwohl der eigene Geist sie nicht beweisen kann? Was ist dann die Grundlage dieser Annahme? Kann man sie vor seinem eigenen Gewissen rechtfertigen?
• Zählen Sie drei Dinge auf, die Sie für wahr halten, die Sie aber nicht begründen können.
• Was ist das Gewissen des Menschen? Wie entsteht es? Soll man immer darauf hören?
• Was ist der Maßstab, nachdem man das Leben und die Welt bemessen soll?
• Gibt es in der heutigen Zeit noch eine Rechtfertigung für Autoritäten? Und wenn ja, welche?
• Gibt es einen Zusammenhang zwischen Mehrheitsmeinung und Richtigkeit?

Montag, 16. August 2010

Sokrates (470-399 v. Chr.)

„Jener behauptet dass er etwas wisse, obwohl er nichts weiß. Ich weiß zwar auch nichts, habe aber nie behauptet etwas zu wissen“. Dieser berühmte Ausspruch des Mannes, der „die Philosophie vom Himmel auf die Erde herunter brachte“ wird auch verkürz mit „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ ausgedrückt. Dieser Mann ist der möglicherweise größte aller Philosophen, auf den alle abendländische Philosophie zurückgeht: der Straßenphilosoph Sokrates.

Sokrates wurde um das Jahr 470 v. Chr. als Sohn des Steinmetz Sophronikos und der Hebamme Phainarete geboren. Er übernahm die Profession seines Vaters, hatte es jedoch praktisch in seinem Leben nicht ausgeübt. Sokrates kämpft tapfer als Hoplit im Peloponnesischen Krieg für seine Vaterstadt Athen. Diese Kriegszüge waren auch die einzigen Gelegenheiten bei denen er die Stadt Athen verließ. Ansonsten verbrachte er sein ganzes Leben in der attischen Metropole. 406 wurde er zum Prytanen gewählt, dem geschäftsführenden Ausschuss des Fünhunderterrates. Sokrates wurde, obwohl der sich während des Regimes der Dreißig Tyrannen für die Demokratie eingesetzt hatte, gerade von den Demokraten angefeindet, die ihn und seine Denkrichtungen als mitverantwortlich für den Niedergang Athens nach dem verlorenen Peloponnesichen Krieg betrachtete. Athen war schwer gedemütigt worden und die Suche nach einem Sündenbock war in der Person Sokrates erfolgreich gewesen. 399 wurde er, völlig schuldlos, zum Tode verurteilt. Die Anklage lautete auf Gotteslästerung und Verderben der Jugend. Obwohl es Sokrates ein leichtes gewesen wäre dem Tod zu entgehen, zum Beispiel einfach dadurch, dass er die Stadt verlassen hätte (woran er nicht gehindert worden wäre), entschloss er sich eher zu sterben. Im Beisein seiner treuesten Schüler und Bewunderer trank er den Schierlingsbecher und diskutierte mit diesen bis zuletzt. Das Thema: der Tod und was man darüber wissen konnte. Die Art seinen Tod in Kauf zu nehmen bestätigte seine Prinzipien von Wahrhaftigkeit und Liebe zur Wahrheit, die Sokrates selbst höher einstufte, als das Leben selbst.

Wovon er sein Leben lang gelebt hat ist nicht bekannt, er schien immer auf Urlaub gewesen zu sein. Wahrscheinlich hatte er ein gewisses Vermögen geerbt, dass ihm einen ausreichenden Lebensstil gestattet, was nur um so leichter fiel, da der Philosoph keinen ausschweifenden Lebenswandel führte, wie so manch anderer mit „zuviel Freizeit“ es in seiner Situation wahrscheinlich getan hätte. Jedenfalls hat Sokrates sich ganz der Wahrheit verschrieben. Im Kern jedoch ging es stets um den guten Lebenswandel. Wahrheit und Weisheit hatten letztendlich nur den Zweck ein wahrhaftiges Leben zu führen. Sokrates vermochte jeden in ein Gespräch zu verwickeln und er selbst liebte es jedem aufzuzeigen, dass er im Grunde gar nichts wisse, dass sein ganzes Wissen im Grunde nichts anderes war als bloße Meinungen, allenfalls durch den Verstand derart geschickt verpackt, dass man sie für echtes Wissen halten konnte. Einerseits stellte Sokrates so seine Mitmenschen beinhart bloß und zwar vor allem durch die Art Fragen zu stellen, die dazu führten, dass einer sich selbst ständig widersprach. Nicht Sokrates war es, der einen brüskierte, sondern sein Gegenüber tat es selbst. Dabei war Sokrates kein Spötter oder Sadist. Ihm ging es wirklich um die Wahrheit und darum, dass im Grunde niemand etwas wissen konnte, dass die Menschen aber zu dieser Einsicht erst gebracht werden mussten, denn in der Regel war und ist der einzelne sehr davon überzeugt etwas zu wissen, vor allem, wenn er über Bildung verfügt. Die Methode des Sokrates bestand nie darin einem anderen direkt zu widersprechen. Stets ging es darum die Aussagen des anderen indirekt zu widerlegen und zwar, wenn möglich, durch den anderen selbst. Man führt ein Argument so weit, bis es ad absurdum geführt wird und in sich selbst zusammen bricht. Das Ziel ist erreicht, wenn der Gegner nichts mehr zu sagen weiß oder sich nur noch in Floskeln oder Ad-Hominem-Angriffe flüchten kann.

Den einen war er ein Ärgernis, für die anderen war er ein Held. Sokrates war ein Phänomen, ein Athener Original, das man immer auf den öffentlichen Plätzen und Straßen antreffen konnte und einer, der immer zu einem „Schwätzchen“ aufgelegt war. Dass dieses Schwätzchen immer auf den Kern einer Sache zielen sollte, entging einem freilich, sofern man mit der sokratischen Art zu fragen noch nicht vertraut war. Das Orakel zu Delphi nannte ihn den weisesten Mann der Welt („keiner ist weiser als Sokrates“). Für Sokrates war der Weg und das Ziel des Lebens eins. Nicht das Leben selbst ist von Bedeutung, sondern die Lebensführung.

Es gibt auch einige Anekdoten von Sokrates, von denen nur eine hier erwähnt werden soll. Einst an einem sonnigen Tag begab sich der Philosoph wieder einmal auf die öffentlichen Plätze Athens, wie es seiner Gewohnheit entsprach. Dabei hatte er eine Laterne bei sich, die ein angezündetes Licht in sich barg. Darauf angesprochen, wozu er eine Laterne am helllichten Tag brauche antwortete er, er suche Menschen, habe bisher aber noch keinen finden können.

Sokrates selbst hat keine einzige Zeile hinterlassen. Es ist deshalb auch nicht leicht das Lehrgebäude Sokrates zu rekonstruieren. Was wir von ihm wissen, stammt vor allem von seinem bedeutendsten Schüler, Platon, der Sokrates in mehreren Dialogen auftreten lässt. Platon selbst wurde nicht nur mit seiner Philosophie, sondern auch als Person der Erbe des Sokrates. Aber nicht er alleine hat Anspruch die Lehre des Sokrates dargelegt und weiter gegeben zu haben. Auch Aristoteles schreibt über Sokrates, Xenophon war einer der besten Freunde Sokrates, ebenso der „Dandy“ Athens, Alkibiades. Sämtliche philosophischen Strömungen des Abendlandes gehen in irgendeiner Weise auf Sokrates zurück.

Zu erwähnen wäre noch das angeblich so schlechte Verhältnis Sokrates zu seiner Frau Xanthippe. Ihr Name wurde seither zum Synonym für ein garstiges Weib, einen Hausdrachen. Das meiste davon ist stark überzeichnet. Wenn das Verhältnis auch nicht immer harmonisch gewesen sein mag, so ist es doch übertrieben es als derart missgestaltet hinzustellen, wie dies die „Biographen“ des Sokrates, vor allem die früheren, gerne getan haben.

Mit Fug und Recht kann man Sokrates als einen der größten Menschen bezeichnen, die je gelebt haben, ein Licht in der Dunkelheit.

Aussagen über Sokrates

„Er war im Tode der Edelste, im Leben der Verständigste und Gerechteste.“
- Platon-

„Sokrates bricht mit der Tradition und holt, wie Cicero es zugespitzt gesagt hat, die Philosophie vom Himmel auf die Erde“.
- Bruno Snell –

„Ich bewundere die Tapferkeit und Weisheit des Sokrates in allem, was er tat, sagte und nicht sagte“
- Friedrich Nietzsche -

Mittwoch, 11. August 2010

Otto von Bismarck (1815-1898

„Nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen unserer Zeit entschieden, sondern durch Eisen und Blut!“ Dieser „Ausrutscher“ Bismarcks im Preußischen Reichstag, wurde zu einer seiner berühmtesten Aussagen. Viel wurde über diesen „Eisernen Kanzler“ geschrieben und seine Gestalt gehört zu einer der verklärtesten der moderner deutschen Geschichte. Als „Einiger Deutschlands“ und Visionär, als des Kaisers wichtigster Mann wurde er gefeiert. Und Millionen von Deutschen bewunderten ihn in Literatur und Geschichte, schauten andachtsvoll auf das berühmte Gemälde der Kaiserproklamation in Versailles 1871, auf dem eindeutig, der in weiß gekleidete Bismarck heraus sticht und nicht die im formellen Zentrum stehende Person König Wilhelms I. Wer ist dieser Mann, der zu den bedeutendsten Politikern des 19. Jahrhunderts gehörte und dessen Wesen bis weit ins 20. Jahrhundert hinein strahlte?

Otto Eduard Leopold von Bismarck wurde 1815 geboren. Er war ein Junker und Landbesitzer in Schönhausen in Brandenburg. Aus einem konservativen und autokratischen Elternhaus stammend, war er demokratischen und liberalen Ideen nicht sehr zugetan. Doch besaß Bismarck genug Realismus, auch aus etwas, das ihm als „Übel“ erschien, für sich das Beste herauszuholen. Konnte man eine Entwicklung nicht verhindern, so wollte er sie doch so weit als möglich selbst steuern. Der Begriff „Realpolitik“ ist auch untrennbar mit dem Namen Bismarck verbunden.

Das erste große öffentliche Auftreten Bismarcks erfolgte im Zug der Revolution von 1848. Dem ersten, revolutionär gesinnten, Abgeordnetenhaus gehörte er allerdings noch nicht an. Doch im Oktober desselben Jahres wurde ein neues Haus gewählt, welches mehr royalistisch eingestellt war und dessen Mitglied der damals 33jährige wurde. Das Verhältnis zu König Friedrich Wilhelm war gespannt. Anfangs unterstützte Bismarck, nicht zuletzt aufgrund seiner Bewunderung für den Staatskanzler Fürst Metternich, die „Großdeutsche Lösung“ bei der Vereinigung der deutschen Staaten. In den frühen 50er Jahren jedoch, änderte er seine Meinung und befürwortete die „Kleindeutsche Lösung“, die Österreich ausschloss. 1859 wurde Bismarck Botschafter in St. Petersburg und 1862 in Paris. Jedoch nur für kurze Zeit. Der Kriegsminister Albrecht von Roon berief ihn durch die berühmt gewordene Depesche („Periculum in mora, Dépêchez-vous“) zurück nach Berlin. Noch im selben Jahr wurde Bismarck preußischer Kanzler, drängte den König, Wilhelm I., dazu die Armee zu reformieren, seine Ignoranz gegenüber der parlamentarischen Opposition aufzugeben und sich den realen Umständen zuzuwenden. Wilhelm war zögerlich bei seinen Entscheidungen und hörte entschieden zu viel auf seine Frau. Bismarck änderte dies und geriet dadurch naturgemäß in Konflikt mit der Königin.

Noch war er Österreich gegenüber, zumindest öffentlich, freundlich gesinnt. Zusammen mit Preußen besiegte es 1864 Dänemark. Die Gebiete Schleswig, Holstein und Lauenburg kamen zu Preußen beziehungsweise zu Österreich. Der Konflikt mit Österreich spitzte sich in der Folge jedoch zu und 1866 kam es schließlich zum Krieg, den Preußen fulminant für sich entscheiden konnte. Die berühmte Schlacht bei Königgrätz legt beredetes Zeugnis darüber ab. Es ging vor allem um die Vorherrschaft in deutschen Raum und in dem, auf dem Wiener Kongress (1814/15) gegründeten, Deutschen Bund, der von Österreich angeführt wurde. Nun aber hatte sich das Schwergewicht nach Norden verlagert und Preußen war jetzt die eindeutige Führungsmacht geworden. Die Staaten nördlich des Mains schlossen sich zur Norddeutschen Konföderation zusammen, die unter dem Vorsitz Berlins stand.

Einem Verwandten preußischen König wurde 1870 die Spanische Krone angeboten. Frankreich jedoch bestand darauf, dass dieser sie ablehnte. Eine Einkreisung durch die Deutschen war für Frankreich inakzeptabel und bald bahnte sich eine diplomatische Krise an. Dies war für Bismarck der Casus Belli. Er schrieb seine berühmte „Emser Depesche“ an König Wilhelm, der zur Kur weilte, und die mit „verschärften“ Worten (um)geschrieben war. Der Zweck war klar. Wilhelm sollte nicht mehr anders können, als Frankreich den Krieg zu erklären. So kam es auch. Frankreich wurde besiegt, vor allem in der großen Schlacht bei Sedan. Im Jänner 1871 wurde das Deutsche Reich im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles proklamiert, nach dem sich die süddeutschen Königreiche, Bayern, Baden und Württemberg den anderen deutschen Staaten angeschlossen hatten. König Wilhelm I. wurde zu Kaiser Wilhelm I. und Bismarck zum ersten Reichskanzler.

Nun wollte Bismarck das Erworbene absichern, denn ihm war bewusst wie sehr die neue Supermacht im Zentrum Europas das Gleichgewicht in Europa gestört hatte, und eine neue Ordnung sich aufgetan hatte, die nur zu gerne von anderen Staaten wieder umgestoßen worden wäre. Frankreich wollte Rache für den Verlust von Elsass-Lothringen, mit ihm war ein dauerhafter Frieden nicht zu erwarten. Österreich war verärgert, konnte aber so weit gebracht werden mit Deutschland 1879 den „Zweibund“ zu schließen. 1882 schloss sich das neu gegründete Königreich Italien an ("Dreibund"). 1887 schloss Bismarck mit Russland den so genannten „Rückversicherungsvertrag“, der dafür sorgen sollte, dass Deutschland in einem kommenden Krieg (und Bismarck sah diesen voraus) nicht von zwei Fronten gleichzeitig angegriffen wurde. Solange Victoria I. Königin (Großmutter von Kaiser Wilhelm II.) von England war, gestalteten sich die Beziehungen zu Deutschland gut bis freundschaftlich. Erst als Victoria 1901 starb und Edward VII. König wurde, wendete sich das Blatt. 1904 schlossen England und Frankreich sich zur „Entente Cordiale“ zusammen. Ein eindeutig gegen Deutschland gerichtetes Bündnis. 1878 fand in Berlin der größte diplomatische Kongress sein Wien statt. Es ging um die Neuordnung des Balkans. Bismarck triumphierte auf dem Kongress, wie einst Metternich in Wien.

Innenpolitisch kam es zu einem „Kulturkampf“ mit der katholischen Kirche, in dem es um die Frage des Erziehungswesens ging. Bismarck erließ gesetzte, die den Katholiken verboten in Ausbildungsfragen mitzureden. Doch bald arrangierte er sich mit den entsprechenden Kreisen im Parlament, sowie dem Heiligen Stuhl in Rom. Die Sozialdemokraten waren Bismarck ein Gräuel. Doch drängte ihn die „Soziale Frage“ dazu erste Kranken-, Unfall- und Pensionsversicherungssysteme zu errichten. Damit war ein Grundstein des Sozialstaates Deutschland gelegt worden, und das von einem Konservativen.

1888 starb Wilhelm I. und nach wenigen Wochen auch sein Nachfolger Friedrich III. so dass Wilhelm II. Kaiser wurde. Dieser hatte modernere Idee und stimmt auch außenpolitisch mit Bismarck wenig überein. Er kündigte den Rückversicherungsvertrag mit Russland. Nachdem die Spannungen der beiden Männer immer heftiger geworden waren, bat der Kaiser den Kanzler um seinen Rücktritt. 1890 reichte Bismarck diesen ein. Er wurde entsprechend angenommen.
Bismarck sah mit Schrecken den Ersten Weltkrieg voraus und die hoffnungslose Lage in die Deutschland geraten würde, wenn es von zwei Seiten angegriffen würde. Wie Recht er damit haben sollte, zeigte die Geschichte keine zwei Jahrzehnte nach seinem Tod.

Mittwoch, 16. Juni 2010

Abraham Lincoln (1809 – 1865)

Wenn es einen Menschen gibt, der für zähes Durchhaltevermögen bekannt wurde, einer, der unter permanenten Misserfolgen zu leiden hatte, im geschäftlichen, politischen und privaten Bereich und am Ende zum größten Triumphator wurde, dann ist es der sechzehnte Präsident der Vereinigten Staaten, Abraham Lincoln. Lincoln wuchs als Sohn eines Pioniers im rauen Hinterland von Indiana auf, erhielt kaum eine formales Schulbildung, und brachte sich den größten Teil seiner Kenntnisse und Fähigkeiten selbst bei. Harte Arbeit, unvorteilhafte Lebensumstände und ein ständiger Kampf kennzeichneten nicht nur seine frühen Jahren, sondern blieben ein beständiges Muster über sein ganzes Leben hinweg.

Er stand schon sehr früh auf einen Beinen, arbeitete an verschiedenen Stellen (selbstständiger Händler, Betreiber einer Mühle und Postmeister) und erkundigte in dieser Zeit auch weite Teile des Mississippi bis hinunter nach New Orleans (er baute sich selbst ein Floß, mit dem er auf dem Fluss bis in den Süden fuhr). Nebenbei brachte er sich die Rechte bei und arbeitete bald als Anwalt. Er ließ sich in Springfield, Illinois, nieder und heiratete Mary Todd. Die Ehe war sehr stürmisch, aber keine Tragödien, wie später oft vermeint wurde. Er erlitt einige geschäftliche Pleiten, arbeitete sich jedoch jedes Mal mit aller Kraft wieder heraus. Als Anwalt hatte er lange nur mittelmäßigen Erfolg.

1847 wurde er zum ersten Mal in den Kongress nach Washington gewählt. In dieser Zeit als Politiker erwarb er sich den Ruf der Ehrlich- und Verlässlichkeit. Jedoch verlor er die nächste Wahl und kehrte wieder in die Provinz als Anwalt zurück. 1854 hielt er in Louisiana seine erste berühmte Rede gegen die Sklaverei, in der er sie als Eigensucht der menschlichen Natur bezeichnete, die nicht von Liebe und Gerechtigkeit getragen werde. 1856 schloss sich Lincoln den Republikanern an und führte landauf landab einen heftigen Wahlkampf. Zur damaligen Zeit war es üblich sich stundenlang in den verschiedenen Städten vor großem Publikum verbal (manchmal auch körperlich) zu streiten. Die Aufnahmefähigkeit, auch der einfachen Leute, jener Zeit war bemerkenswert. So konnten viele Menschen weder lesen, noch schreiben, doch konnten sie sich die Argumente der verschiedenen Kandidaten über viele Stunden hinweg merken. So kam es oft vor, dass ein Streitgespräch, das am frühen Nachmittag begann, bis zum Abend dauerte. Zwischendurch wurde für eine Stunde unterbrochen, während deren die Zuhörer nach Hause gingen, um ihr Abendmahl einzunehmen. Später kamen sie zurück, um der Diskussion bis zur späten Nachtstunde zu folgen. Man stelle sich das heute vor! Politik besteht ja größtenteils nicht mehr aus ernsthaften Auseinandersetzungen, sondern aus Show, Bluff und Schwindel. Selbst die „Diskussionen“ von heute, verdienen diese Bezeichnung nicht mehr. Meist geht es nur darum, wer den anderen „niedergemacht“ hatte, nicht, wer am ehrlichsten war oder wer die besten Argumente vorzuweisen hatte.

1960 wurde Abraham Lincoln Präsidentschaftskandidat der Republikaner und gewann die Wahlen im November dieses Jahres. Die Frage der Sklaverei beschäftigte die Nation bereits sehr heftig und drohte immer mehr die Einheit der Nation zu gefährden. Bereits in seiner Inaugurationsrede wies Lincoln darauf hin, dass die Bewahrung der Einheit der Vereinigten Staaten das wesentliche Anliegen seiner Präsidentschaft sein werde. Nach seiner Amtseinsetzung kam es bald zur Abspaltung von South Carolina und fünf weiteren Staaten von der Union. Der Angriff der Südstaaten auf Fort Sumter (das von Lincolns Truppen gehalten wurde) in South Carolina im Frühjahr 1861, eröffnete formell den Amerikanischen Bürgerkrieg. Der Krieg begann immer heftiger zu werden. Nach anfänglichen Erfolgen des Südens, wendete sich das Blatt immer mehr zugunsten des Nordens. Dieser hatte den Vorteil bereits stärker industrialisiert zu sein und immer neue Einwanderer aus Europa sorgten für einen ungebrochenen Zustrom an neuen Truppen. Am 1. Jänner 1863 brachte Lincoln seine berühmte Emanzipationsproklamierung heraus, die nun die Frage der Sklaverei richtig in den Krieg einbrachte. Bisher lag das Schwergewicht auf der Bewahrung der Einheit der Nation, zu der sich Lincoln ja als Präsident per Eid verpflichtet hatte. Die Abschaffung der Sklaverei wurde als 13. Zusatz der Verfassung hinzugefügt. 1864 wurde Lincoln wieder gewählt und beendete im darauf folgenden Jahr den Bürgerkrieg erfolgreich. Jetzt ging es ihm vor allem darum die Wunden des Krieges zu „verbinden“ und für eine rasche Heilung der Nation zu sorgen. So betrachtete er die Bürger der Südstaaten nicht als die früheren Feinde, sondern als Brüder, die sich verirrt hatten und nun wieder in den Schoß der Familie zurückkehrten. Am 14. April 1865 wurde Abraham Lincoln von John Wilkes Booth, eine fanatischen Südstaatler, im Ford-Theater in Washington erschossen.

Lincoln gilt als einer der moralisch integersten Menschen, die je gelebt haben. Nie hatte er ein böses Wort für andere, auch für seine Feinde, nicht. Berühmt geworden ist die folgende Anekdote. Der Kriegsminister kritisierte einst Lincoln heftig und bezeichnete den Präsidenten in privatem Rahmen als entscheidungsschwach und als unfähigen Kriegsherrn, dabei verwendete er einige persönliche Untergriffe und Beleidigungen. Als Lincoln von dem Vorfall berichtet wurde, sagte er nur: „Mr. X (Name des Kriegsministers) ist der beste Minister den dieses Land jemals hatte, ich habe vollstes Vertrauen zu ihm:“ Niemand konnte Lincoln dazu bringen, sich zu vergessen oder zu unmoralischem Handeln zu bewegen. Oft wurde Lincoln vorgeworfen, langsam in seinen Entscheidungen zu sein, doch in Wirklichkeit konnte er die Dinge nur tiefer erfassen als andere Menschen und hatte einen größeren Überblick über das Gesamtbild. Lincoln war von der Idee geleitet, dass eine richtige Entscheidung nicht nur temporär korrekt sein konnte, sondern auch aus der Sicht der Nachwelt richtig sein sollte, also richtig sub species aeternitatis.

Lincoln war es, der einen Menschen völlig vorurteilslos beurteilen konnte. Seine vielen negativen Erfahrungen mit Menschen, hatten ihm eine bewundernswerte Menschenkenntnis verschafft. Anstatt hart und bitter zu werden, wie es bei den meisten Menschen mit seiner Lebensgeschichte der Fall gewesen wäre, entwickelte Lincoln einen besseren Blick für die Realität. Nicht Misstrauen, sondern richtiges Vertrauen gegenüber den moralisch integeren und den fähigen Leuten, wurde ihm zum Prinzip. So lehnte er oft den Rat seine Berater und Militärs ab und entschied sich für den unsozialen aber fähigen Außenseiter, um ihm eine wichtige Mission zu übertragen. So geschah es, dass er Ulysses S. Grant das Oberkommando über die Truppen im Bürgerkrieg übertrug. Grant galt als Außenseiter und Säufer, den das Establishment in Washington als unmöglich betrachtete. Doch Lincoln sah in ihm den fähigsten Mann, den er für diesen Job finden konnte, der einzige, der den Mut hatte die richtigen, aber unpopulären Dinge zu tun. Und wie man sehen sollte, hatte er mit dieser Einschätzung absolut Recht. Lincoln galt als „einfacher, ehrlicher Mann von Lande“, eine moralische Vaterfigur. Doch unter dieser einfachen Oberfläche steckte ein kluger Kopf, dessen tiefe Gedankengänge von seiner Umwelt nicht erkannt wurden. Jedenfalls war Lincoln in seinem Betragen alles andere als ein Aristokrat. So erreichte er das Herz der einfachen Leute aber auch den Respekt der Oberschicht in den Städten der Ostküste.

Die berühmteste Rede Lincolns hielt er am 19. November 1863 nach der großen Schlacht in Gettysburg. Sie war so kurz, dass der Fotograph, der den Präsidenten ablichten sollte, nicht einmal sein Gerät fertig aufgestellt hatte, als sie bereits beendet war. Ich drucke den Text hier im Original ab:

„Fourscore and seven years ago our fathers brought forth on this continent a new nation conceived in liberty and dedicated to proposition that all men are created equal. Now we are engaged in a great civil war testing whether that nation, or any nation so conceived and so dedicated, can long endure. We are met on a great battlefield of that war. We have come to dedicate a portion of that field as a final resting-place for those who here gave their lives that that nation might live. It is altogether fitting and proper that we should do this. But in a larger sense, we cannot hallow this ground. The brave men, living and dead, who struggled here have consecrated it far above our power to add or detract. The world will little note nor long remember what we say here, but it can never forget what they did here. It is for us the living rather to be dedicated here to the unfinished work which they who fought here have thus far so nobly advanced. It is rather for us to be here dedicated to the great task remaining before us – that from these honoured dead we take increased devotion to that cause for which they gave the last full measure of devotion – that we here highly resolve that these dead shall not have died in vain, that this nation under God shall have a new birth of freedom, and that government of the people, by the people, for the people, shall not perish from the earth.”

Lincoln war die Art von Politiker, die man heute kaum mehr antrifft. Aber weit über den politischen Bereich hinaus, ist Lincoln ein leuchtendes Beispiel dafür, dass sich Integrität auszahlt, dass es im Leben darum geht das Richtige zu tun, völlig unabhängig davon, welche Vor- oder Nachteile man sich dadurch zuziehen mag. Lincoln ist eine Laterne der Hoffnung in einer Welt der Dunkelheit und damit strahlt er weit über das 19. Jahrhundert hinaus, bis weit in das dritte Jahrtausend hinein.

Sonntag, 6. Juni 2010

Albertus Magnus (vor 1200 – 1280)

Als einer der größten Geister des Mittelalters und bis heute ein oftmals bewunderte Person, gilt der Gelehrte Albertus Magnus (Albert der Große). Geboren kurz vor dem Jahre 1200 in Lauingen an der Donau, aus einer staufischen Ministerialenfamlie stammend, betrieb er seine Studien an der Universität in Bologna und Padua. Albertus Magnus war ein Universalgenie, deshalb nannte man ihn auch den „doctor universalis“, der zu beinahe jedem Wissensgebiet seiner Zeit Werke verfasste. Insbesondere konzentrierte er sich auf die Theologie, Philosophie und die Naturwissenschaften, die damals freilich noch in den Kinderschuhen steckten. Er war einer, der die damalige Wissenschaft und ihre Erkenntnisse hinterfragte und nicht beim Buchstaben und bei Büchern stehen blieb. Freilich, das kann man sich denken, führte dies bald zu heftigstem Widerstand und allerlei Anfeindungen und Schlimmerem. Auch war Albertus nicht dafür bekannt, Autoritäten blind zu vertrauen, ganz im Gegenteil. Zu seiner Zeit, etwas neuen, ja teilweise direkt als häretisch bezeichnet, wandte er sich der Natur selbst zu und versuchte durch genaue Beobachtungen viele seiner Erkenntnisse genau daraus zu ziehen. Eine Vorgehensweise, die im Mittelalter über lange Zeit hinweg, alles andere als üblich war.

1223 trat Albertus in den Dominikanerorden ein, genau so, wie sein größter Schüler, der Heilige Thomas von Aquin. Albert war es auch, der als Lehrer den größten Einfluss auf den Aquiner ausübte. Nach dem Abschluss seiner eigenen Studien, begann Albertus zu lehren und wechselte von den ordenseigenen Schulen in Freiburg, Regensburg, Hildesheim und Straßburg an die bedeutende Universität von Paris. Damit war er der erste Deutsche, der an dieser renommierten Hochschule unterrichtete. Später wurde er an die neu gegründete Hochschule seines Ordens nach Köln gerufen, um diese zu leiten. Thomas von Aquin begleitet ihn in die Stadt am Rhein. Aber dabei blieb es nicht lange. Albert reiste durch ganz Europa und lehrte an den verschiedensten Orten, bis er 1257 wieder nach Köln gerufen wurde, um dort weiter zu lehren.

Die Lehre, der Kontakt mit Studenten, und die Hingabe an die Wissenschaft, war es, dem Albertus ganzes Herz gehörte, nach der Liebe zum Herrn selbstverständlich. Deshalb sträubte er sich vehement, als er 1260 von Papst Alexanders III. berufen wurde Bischof von Regensburg zu werden. Trotzdem gehorchte er dem Befehlt des Papstes. Albert gelang es das verwaiste und (finanz-)marode Bistum wieder zur Blüte zu bringen. Dann glaubte er seine Arbeit getan zu haben. Er blieb nur kurze Zeit (zwei Jahre) Bischof der Stadt an der Donau und zog dann als päpstlicher Abgesandter und Prediger durch die deutschen und böhmischen Lande. Erneut sollte er nach Paris berufen werden, was er jedoch ablehnte. Tief betrübt war es, als er 1274 am Konzil von Lyon teilnahm und sein Schüler Thomas von Aquin den Weg dahin nicht mehr vollenden konnte, da er vom Himmel abberufen worden war.

Albert war sich selbst sehr wohl bewusst, welche Gefahr darin bestand sich der Natur hinzugeben, galt doch vor allem der Geist als von Gott gegeben und die Materie wurde kritisch, teilweise sogar verächtlich behandelt. So heißt es auch in einer Legende, die jedoch sehr schön die Geisteshaltung von Albert herausstreicht, dass er die Mutter Maria angebetet hätte, damit sie ihn im Glauben bewahre und er nicht durch die Beschäftigung mit der Philosophie Schaden nähme. Denn schon aus dem Altertum war die Gefahr bekannt, die darin bestand, dass die Philosophie missbraucht wurde, um Gott in frage zu stellen, ja es konnte sogar so weit kommen, dass einer zum Atheisten wurde, wie es ja über die Jahrhunderte immer wieder mit getrübten Philosophengeistern geschehen war.

Albertus starb am 15. November des Jahres 1280 im Alter von mindestens achtzig Jahren. Zur damaligen Zeit ein wahrhaft biblisches Alter (man denke etwa an Methusalem). Im Jahr 1931 wurde Albertus Magnus heilig gesprochen und 1941 erklärte ihn der Papst zum Patron der Naturwissenschaften.

Samstag, 5. Juni 2010

Katharina von Siena (1347 – 1380)

Der Dominikanerorden hat eine ganze Reihe von großen Persönlichkeiten hervorgebracht. Darunter befinden sich Gestalten, wie Thomas von Aquin, Albertus Magnus oder Heinrich Suso. Aber auch der weibliche Zweig des Ordens des Dominikus hat einige bekannte Figuren aufzuweisen. Die wohl bekannteste ist die Heilige, um die es in diesem Beitrag gehen soll: Katharina von Siena. Katharina gehört in den Bereich der christlichen Mystiker und ist neben Teresa von Avila und Hildegard von Bingen, die wohl größte Frauengestalt im Bereich der abendländischen Mystik. In Italien nennt man sie „Die größte Frau des Christentums“.
Katharina wurde 1347 in der italienischen Stadt Siena geboren und entdeckte schon in der Kindheit ihre große Hingabefähigkeit und Liebe zu Gott. Sie weihte sich selbst dem Herrn und unterwarf sich strengen geistigen Übungen, vor allem der Buße. Die Eltern versuchten viele Jahre lang, ihr den Wunsch nach einem geistlichen Leben auszutreiben – ohne Erfolg. Selbst die von den Eltern eifrig geschmiedeten Heiratspläne, machte die junge Frau zunichte. Sie wollte nur einen Bräutigam haben – Jesus Christus. Von Natur aus von zierlicher Gestalt und angegriffener Gesundheit, schwächte sie ihren Körper dadurch umso mehr. Doch die Liebe zu Gott war größer, als der Wunsch nach leiblichem Wohlergehen. Mit 18 Jahren trat sie dem Büßerorden der Dominikanerinnen bei (als Mantellatin) und fiel bald durch besonderen Eifer im Glauben auf. Der Ordensgeneral, Raimund von Capua, wurde auf sie aufmerksam und wurde ihr Vertrauter und Förderer, denn die junge Schwester beeindruckte ihn außerordentlich.
Der Ruf Katharinas als fromme Frau von großem glaubenstechnischem Urteil, drang bald über die Stadtgrenzen hinaus und führte dazu, dass sie, obwohl ohne höhere Bildung und des Lateinischen nicht mächtig, von Fürsten (weltliche und geistliche) und Bürgern gleichermaßen um Rat aufgesucht wurde. Viele dieser Ratschläge erteilte sie schriftlich, denn sie unterhielt eine regen Korrespondenz. Ihre Werke sind von großem Tiefgang und Einsicht in das Mysterium geprägt. Literarisch kann sie neben den führenden Dichtern ihrer Zeit bestehen. Mehrere hundert Briefe sind noch heute erhalten. Sie wurde zur Mahnfigur und zum Gewissen der Menschen ihrer Zeit. Unter anderem rief sie zu einem Kreuzzug zur Befreiung Jerusalems auf. Sie war sehr geschickt im Umgang mit den Mächtigen ihrer Zeit und stand im Ruf, diese zur Willfährigkeit bewegen zu können.
Katharina war auch eine große Versöhnerin der Kirche. Später zog sie nach Rom und bewirkte es, dass Papst Gregor XI. von Avignon wieder in die Ewige Stadt zurückkehrte. Dieser befand sich zu jener Zeit in Streitigkeiten mit der Stadt Florenz, welchen Katharina erfolgreich zu schlichten vermochte. Als unter dem Nachfolger Papst Gregors, Urban VI., das Schisma erneut ausbrach, litt Katharina unsägliche Qualen. Sie machte es sich zur Aufgabe ihres Lebens, die Einheit der Kirche wieder zu bewirken. Daneben kümmerte sie sich aufopfernd um die Armen und Kranken. Als 1374 in Siena die Pest ausbrach, verharrten die Dominikanerinnen treu in der Stadt und kümmerten sich um die ärgste Not.
Was Katharina als Mystikerin betraf, so ist sie für eine Unzahl von Visionen und mystischen Verzückungen bekannt. Sie war dafür bekannt, nur sehr wenig zu schlafen und sich ganz dem Gebet, der Kontemplation und er geistlichen Versenkung hinzugeben. Bei diesen Übungen hatte sie auch ihre „Vereinigungen mit Gott“. Ihr Körper litt jedoch entsetzlich unter den vielen Kasteiungen, denen sie sich unterwarf, denn sie aß sehr wenig und soll viele Jahre lang keine feste Nahrung mehr zu sich genommen haben.
Katharina zeichnete sich auch durch ihren großen Gehorsam gegenüber dem Stuhl Petri aus. Sie meinte einmal, das selbst wenn der Teufel höchst persönlich Papst geworden wäre, müsse man ihm folgen, denn es sei Gottes Wille. Nicht dem Menschen Papst folge man, sondern Gott, dessen Stellvertreter auf Erden dieser sei. Das bedeutet allerdings nicht, dass Katharina nicht ernste Worte mit dem Papst gesprochen hätte. Ganz im Gegenteil, sie ermahnte den Heiligen Vater immer wieder, seinem Auftrag, der Stellvertreter Christi auf Erden zu sein auf die rechte Weise nachzukommen. Nur hätte sie ihm niemals die Gefolgschaft verweigert, denn an seiner Legitimität zu zweifeln, wäre für Katharina nie in Frage gekommen.
Stark geschwächt und völlig ausgezehrt, trotzdem bis zum Ende hart arbeitend, starb sie im jungen Alter von nur 33 Jahren am 29. April 1380 in Rom, wo sie auch ihre letzte Ruhe fand. Die Heiligsprechung Katharinas erfolge 1461. Sie gilt als die Patronin der Stadt Siena und Italiens. Ihr Fest wird am 29. April von der Kirche begangen.

Freitag, 4. Juni 2010

Der Heilige Hieronymus (347 – 420)

Der Heilige Hieronymus ist ein gutes Beispiel dafür, dass Heiligkeit nicht bedeutet ein ruhiges, sanftmütiges Wesen zu haben und schon gar nicht, dass Versuchungen einem fern blieben, wenn man sich einmal zum richtigen Glauben bekannt hat. Jedoch war es ihm beschieden siegreich aus den Kämpfen des Geistes hervorzugehen. Ein begnadeter Literat, Lehrer und Vorbild im Glauben sehen wir in der Gestalt des heiligen Mannes, der auf vielerlei Gebieten großes Wirken und ebensolche Erfolge aufzuweisen hatte.

Hieronymus wurde um das Jahr 347 in Stridon geboren. Stridon war eine alte Stadt, die im heutigen Dalmatien lag. Die Eltern waren reiche römische Christen. Und wie es sich für eine solche Familie gehörte, wurde der Junior in jungen Jahren bereits in das Zentrum der Macht, nach Rom, geschickt um dort in den akademischen Künsten unterrichtet zu werden. Hieronymus studierte die Philosophie, die Grammatik und, ganz besonders wichtig, die Rhetorik. Solche waren die Standardfächer der gebildeten römischen Oberschicht. Die Sprache, in gesprochener und geschriebener Form, wurde zu seinem Steckenpferd und zeitlebens war es sein Bestreben darin berühmt zu werden und höchste Meisterschaft zu erlangen. Er träumte davon ein ganz großer Literat von Weltruhm zu werden. Hieronymus selbst war ein Bücherwurm und verfügt über eine ansehnliche private Bibliothek. Wie mehr als 1000 Jahre später Franz von Sales, ekelte auch Hieronymus das lockere und ausschweifende Studentenleben zutiefst an. In Rom kam es zu seiner Bekehrung, er ließ sich taufen und entsagte dem weltlichen Leben. Er beschloss sein Leben ganz dem Herrn zu weihen und nicht in weltlichen Verstrickungen, wie so viele andere unter seinen Kommilitonen zu verbleiben. Hieronymus wurde zum gelehrten Christen und wollte von nun an nur noch der Wahrheit dienen.

In Aquileja scharte sich eine Gruppe frommer Freunde um ihn. Sie lebten in strenger Askese und behandelten geistliche, vor allem theologische, Probleme. Hieronymus unternahm eine Pilgerreise nach Kleinasien und kam unterwegs in die Stadt Antiochia. Dort kam er in Kontakt mit syrischen Mönchen, die in der Wüste ein gottgefälliges und überaus asketisches Leben lebten – ihnen ging der Ruf voraus, engelsgleich in ihrem Gebaren zu sein. Hier lernte Hieronymus auch die griechische Gelehrtensprache und lebte eine zeitlang als Einsiedler, was ihm als „Römer“, der aus der Weltstadt kam, verständlicherweise sehr schwer fiel. In dieser Zeit wurde er von sämtlichen weltlichen Begierden geplagt, die es überhaupt nur geben konnte. Bittere Tränen weinte er, doch blieb er trotz allem standhaft und ließ sich nicht überwinden.

Wieder zurück aus der Einsiedelei, wurde er in Antiochia zum Priester geweiht. Bald schloss er auch Freundschaft mit dem Heiligen Gregor von Nazianz, der in Konstantinopel lebte. Nun nahm seine Karriere einen großen Aufschwung. Hieronymus wurde persönliche Sekretär von Papst Damasus I. in Rom. In dieser Zeit übersetzte Hieronymus die Bibel aus dem Griechischen und Hebräischen neu, womit er Unsterblichkeit erlangen sollte. Seine „Vulgata“ ist selbst heute noch eine oft gelesene Ausgabe der Heiligen Schrift.

Besonders auf fromme Frauen hatte Hieronymus einen großen Einfluss. Er wurde zu ihrem bevorzugten Berater und brachte viele Frauen dazu, ein asketisches Leben zu führen. Er galt auch als weise in allen Lebensfragen, weshalb sein Ansehen stetig wuchs. Später ging sogar das Gerücht um, Hieronymus könnte der nächste Papst werden, doch dies wussten seine Gegner, nach dem Tod des alten Papstes, erfolgreich zu verhindern.

Hieronymus verließ nun Rom und begab sich nach Ägypten, wo er noch einmal versuchte als Einsiedler zu leben. Kurz darauf jedoch, ließ er sich endgültig in Bethlehem nieder, wo er den Rest seines Lebens verbrachte. Er selbst half bei der Gründung von Klöstern und unterrichtete an einer Schule, die seinem eigenen Kloster angeschlossen war. Er gab sich nun ganz dem literarischen Schaffen hin und verfasste seine berühmtesten theologischen Schriften. Als er aufgrund von starken Sehproblemen nicht mehr selbst schreiben konnte, diktierte er seine Texte einem seinen Schreiber, von denen er sehr viele beschäftigte.

Der Heilige Hieronymus starb am 30. September 420 in Palästina. Sein Jahrtag ist ebenfalls der 30. September.

Donnerstag, 3. Juni 2010

Franz von Sales (1567 – 1622)

Der nächste Heilige in meiner Biographie-Serie, ist wieder ein erfolgreicher Streiter der Gegenreformation. Der Franzose Franz von Sales wurde 1567 als ältester Sohn seiner Familie auf der Burg Sales, in Savoyen geboren. Er stammt aus einer alten und angesehenen Adelsfamilie. Franz studierte zuerst in Annecy, dann in Paris und Padua Theologie, Rhetorik, Philosophie und Rechtswissenschaften. Die Zeit auf der Universität brachte ihm die Erfahrung des zügellosen Lebens der Studenten, die Franz von Anfang an anekelte. Daraus erwuchs der tiefe Wunsch sein Leben dem Herrn zu weihen und Priester zu werden. Dieser Wunsch stieß vorerst auf den erbitterten Widerstand des Vaters, der seinen Sohn in einer weltlichen Laufbahn wünschte. 1593 wurde Franz trotzdem zum Priester geweiht. Ihm schwebte das Ideal des armen Apostels vor, so dass er die Ämter und Würden, die ihm aufgrund seiner edlen Herkunft, in der Kirche zugestanden ablehnte und sich dem einfachen Dienst verschrieb.

Er wirkte missionarisch in den religiös umkämpften Gegenden Frankreichs und kam so nach Chablais, welches zu einem Nest der Kalvinisten herangewachsen war. Keine Gefahr scheuend nahm er die Konfrontation mit den Protestanten auf und erragt dort einen bemerkenswerten Sieg für den Katholizismus. Es gelang ihm die ganze abgefallene Stadt wieder für die katholische Kirche zurück zu gewinnen. Franz ertrug alle Schmähungen, alle Not und alles Leid, das ihm die Menschen antaten, und führte sein Vorhaben unbeirrt fort. Er litt oft schwer an Hunger, an Krankheiten und ertrug unsägliche Strapazen, immer seinen Geist auf den Herrn gerichtet, wohl wissend um seine gerechte Sache. Anfangs hatte Franz mit seiner Missionstätigkeit durchaus auch große Rückschläge zu verzeichnen, ließ sich jedoch davon nicht entmutigen. Allmählich verstand er sein Handwerk immer besser und er gewann sukzessive mehr Menschen für seinen Glauben zurück und widerlegte die kalvinistischen Prediger nun erfolgreich.

1599 wurde Franz von Sales zum Bischof von Genf, einer Hochburg des Kalvinismus, und damit sozusagen in der Höhle des Löwen. Er tat viele gute Werke und wirkte für den Katholizismus, vor allem darin, dass er die Armen unterstützte. Er reorganisierte seine Diözese und hatte damit nicht unwesentlichen Erfolg. Neben hervorragenden rhetorischen Fähigkeiten, zeichnete sich Franz auch durch seinen angenehmen Wesenszug des Sanftmutes, sowie seine unermüdliche schriftstellerische Tätigkeit aus. Mehr als 20000 Briefe hat er in seinem Leben geschrieben. Er gilt deshalb auch als Patron der katholischen Schriftsteller und Journalisten. Daneben war es vor allem die Liebe zu den Feinden, für die Franz berühmt geworden war. Er selbst sprach immer wieder davon, welche Freude er dabei habe seine Gegner zu lieben und um ihr Seelenheil bemüht zu sein. Für ihn war keiner endgültig verloren, er wollte gerade durch die Liebe zu den Feinden diese für sich gewinnen, was ihm, wie man öfter sah, auch gelang. Selbst unter den Kalvinisten genoss Franz hohes Ansehen und ein kalvinistischer Beamter in Genf meinte nach des Heiligen Tod, wenn es seit dem Tod der Apostel überhaupt jemanden gegeben hätte, den die Kalvinisten als Heiligen angesehen hätten, dann wäre es Franz von Sales gewesen.

1604 traf Franz von Sales mit Johanna Franziska von Chantal zusammen, mit der er den Orden der Salesianerinnen / Visitantinnen gründete. Er war aber auch sehr bemüht um die Wissenschaften und Künste und schuf zu deren Pflege eine Akademie in Annecy, in seiner Heimatregion. Franz selbst verfasste neben der enormen Menge an Briefen auch moralische und mystische Werke. Die bekanntesten sind „Einführung in das hingebungsvolle Leben“ (1608) und „Traktat über die Liebe Gottes“ (1610). Er gilt als einer der größten französischen Schriftsteller seiner Zeit.

Franz von Sales starb 28. Dezember des Jahres 1622 in Lyon. Seine Heiligsprechung erfolgte 1665. 1877 wurde er zum Kirchlehrer erklärt. Sein Fest wird am 24. Jänner gefeiert. Zeitlebens wurde Franz von vielen als ein irdisches Abbild des Heilands selbst gesehen. Sein Leben gibt ein beredetes Zeugnis dieser Ansicht, die von vielen seiner Zeitgenossen geteilt wurde. Unumstritten ist die hohe moralische Integrität und die Standfestigkeit im Glauben des Heiligen, der auch heute noch zu großer Bewunderung Anlass gibt.

Mittwoch, 2. Juni 2010

Teresa von Avila (1515 – 1582)

Unter den christlichen Heiligen nimmt Teresa von Avila eine ganz besondere Stellung ein. Neben Katharina von Siena gehört sie zu den bekanntesten Mystikerinnen. Es verwundert deshalb nicht, dass sie eine innige Freundschaft mit dem Mystiker Johannes vom Kreuz (1542 – 1591) verband – sie war es, die sogleich das mystische Potenzial in ihm entdeckte, während er von der Welt und von seinen Mitbrüdern missachtet und geächtet wurde. Teresa ist die erste Frau, die ich in meiner Biographie-Reihe vorstellen möchte. Sie soll und wird aber mit Sicherheit nicht die einzige bleiben.

Geboren wurde Teresa am 28. März 1515 in Avila als Tochter adeliger Eltern. Schon früh war sie von Heiligenlegenden und Heldengeschichten fasziniert, so dass sie bereits im Alter von sieben Jahren mit ihrem Bruder Rodrigo von zu Hause ausriss, um gegen die ungläubigen Mauren zu kämpfen und wenn nötig den Märtyrertod zu sterben. Bald wurde sie von Augustinerinnen erzogen. Doch ihre schwache Gesundheit, die ihr zeitlebens Schwierigkeiten bereitete, musste sie die Klosterschule wieder verlassen.

1535 trat sie als Novizin bei den Karmeliterinnen in Avila ein und legte im darauf folgenden Jahr ihr Gelübde ab. Bald aber bemerkte sie die teilweise starke Verweltlichung des Klosterlebens und hatte im Jahr 1553 ihre erste Vision. Teresa wurde immer mehr „vergeistig“, gab sich mit immer größerer Inbrunst Jesus hin, und entsagte immer mehr dem, was noch weltlich war am Klosterleben. Von heißem Temperament waren ihr die Regeln ihres Ordens viel zu lasch und nicht weitgehend genug. So machte sie es sich bald zur Aufgabe den Karmeliterinnen strengere Regeln zu geben, das heißt es war nicht die Aufgabe, die sie sich selbst gewählt hatte, sondern die Gott von ihr verlangte, wie es ihr in ihren Visionen aufgetragen wurde. Bei diesem Vorhaben schlug ihr gewaltiger Widerstand, sowohl von kirchlicher als auch von weltlicher Seite, entgegen. Endlich konnte sie 1562 ihre erste kleine Schwesterngemeinde der reformierten Karmeliterinnen in Avila einrichten. Äußeres Zeichen der reformierten Karmeliterinnen war, dass sie barfuss gingen. Deshalb hießen sie auch die „unbeschuhten Karmeliterinnen“, im Gegensatz zu den „alten“ Schwestern, die nun als die „beschuhten Karmeliterinnen“ (sie trugen Sandalen) galten. 1580 wurde diese Trennung endgültig vollzogen und anerkannt. Von großer Bedeutung war die Begegnung mit Johannes vom Kreuz, dem bedeutendsten spanischen Mystiker, der ihr erster Schüler wurde. Teresa gründete während ihres langen Lebens (nach Maßstäben des 16. Jahrhunderts) sechzehn Konvente und vierzehn Klöster.

Teresa zeichnete sich durch ein außergewöhnliches literarisches Talent und einen robusten Charakter aus. Ihr „El libro de su vida“ (Buch ihres Lebens) erschien erst nach ihrem Tod 1588, und enthält ähnlich wie die „Confessiones“ des Heiligen Aurelius Augustinus eine „Lebensbeichte“. Viele Schriften Teresas sind autobiographischer Natur. Darüber hinaus schuf sie einige Werke über die Reformation ihres Ordens. Das bedeutendste mystische Werke, das zu den schönsten der spanischen Mystik gehört, ist das 1577 geschriebene „Castillo interior o las siete morades“ (Die Innere Festung oder die Sieben Stationen). Es beschreibt in poetischer Schönheit ihre Kontemplationen und ihr inniges, persönliches Verhältnis zu Gott. Für Teresa war Gott „Seine Majestät“ und sie war der Meinung in der Verehrung Gottes gäbe es kein rechtes Maß, alleine die Maßlosigkeit sei angemessen. Bald nach ihrem Tod wurden ihre Werke, die zweifellos zur großen Weltliteratur gehören, veröffentlicht. Teresa wird auf Darstellungen auch als „doctora mystica“ bezeichnet und trägt sogar die Insignien der theologischen Doktorwürde – eine unglaubliche Ehre für eine Frau aus dem 16. Jahrhundert!

Zum Schluss noch ein Zitat von Teresa: „Drei Dinge hat man zu mir gesagt: dass ich in der Jugend schön war, dass ich klug und dass ich heilig sei. Den beiden ersten Meinungen habe ich leider zu viel Glauben geschenkt und es bitter bereut. Den letzten Ausspruch aber, dass ich heilig sei, weise ich ganz und gar zurück.“

Teresa von Avila starb am 4. Oktober 1582 in Alba de Tormes. 1614 wurde sie selig und 1622 heilig gesprochen. Die heilige Teresa ist die Schutzpatronin Spaniens. Ihr Fest wird am 15. Oktober gefeiert.

Anmerkung: Dass ich zurzeit ausschließlich Heilige vorstelle, hat nichts damit zu tun, dass ich nicht auch weltliche Menschen als für mich einflussreich und bewundernswert betrachte. Ich werde das in der Zukunft noch zeigen, doch im Augenblick bleibt es noch bei der Vorstellung diverser Heiliger, von großen Männern und Frauen der Kirche.

Dienstag, 1. Juni 2010

Ignatius von Loyola (1491 – 1556)

Wer an die Jesuiten denkt, an einen wehrhaften Katholizismus, der kommt nicht am Gründer dieses Ordens, dem heiligen Ignatius, vorbei. Der Begriff/Bezeichnung „Jesuit“ rief von Anbeginn der Ordensgründung an, sehr kontroverse Assoziationen und Reaktionen hervor. Für die einen sind sie die Kämpfer für den wahren Glauben, die Helden der Gegenreformation, für die anderen Machtpolitiker und Militaristen im Geiste. Egal ob Freund oder Feind, stets erregten die Mitglieder des Ordens Jesu aufs heftigste die Gemüter. Der Gründer Ignatius selbst war eine bemerkenswerte Gestalt der Geschichte, bei der über die ersten Jahrzehnte seines Lebens noch nichts auf ein geistliches Leben hindeutete. Ganz im Gegenteil, Ignatius war ein junger Adeliger, der sich dem Kriegsdienst verschrieben hatte. Lasst uns einen Blick auf das Leben dieses außergewöhnlichen Charakters werfen.

Ignacio de Loyola wurde am 31. März 1491 im nordspanischen Baskenland geboren. Er kam noch als Kind an den spanischen Königshof und diente dort dem Großschatzmeister als Page. In dieser Zeit wurde er mit den höfischen Sitten vertraut und lernte einige Lektionen über die Welt der Macht und den Umgang mit Menschen, wie auch der Kriegsführung. 1521 kämpfte er bei der Belagerung von Pamplona durch die Franzosen an der Verteidigung mit und wurde im Zuge der kriegerischen Auseinandersetzungen schwer verletzt. Nun folgte eine lange Zeit des Darniederliegens und der Genesung. Diese Phase seines Lebens wurde zum Umbruch, zur Umkehr in seinem Leben. Nachdem Ignatius viel Zeit auf seinem Krankenlager erbrachte und sich keinerlei Ablenkungen boten, verbrachte er die Zeit vor allem mit Lesen. Er las mit wachsender Begeisterung Geschichten der Heiligen. Er sah, dass die Heldentaten der Heiligen es locker mit den heroischsten Feldherrn und Ritter auf nehmen konnten. Er selbst dachte sich zu dieser Zeit auch viele Heldengeschichten aus, wobei er schwankte zwischen weltlichen Ritterlegenden und geistlichen Märtyrergeschichten. Dabei stellte er fest, dass die Ritterromane, die er sich ausdachte ihm im Nachhinein kein gutes Gefühl vermittelten, während er sich erbaut fühlte, wenn er sich den Heiligenlegenden hingab. Dies war für ihn ein Zeichen. Bald darauf beschloss er sein Leben radikal zu ändern, es Jesus zu übergeben und fortan dem weltlichen Leben zu entsagen. Die Herrlichkeit des Himmels würde allen irdischen Pomp und alle weltliche Pracht (die er an den Höfen gesehen hatte) in den Schatten stellen. Er wollte ein Ritter für den Herrn, sein, dessen irdischer Arm die katholische Kirche ist, dessen war sich Ignatius sicher.

Ignatius lebte im folgenden Jahr als Bettler und Büßer in Nordspanien. Strengster Askese und gewaltigen Bußübungen unterwarf er sich dabei. Schließlich fasste er in seinen Gewissensnöten sein Motto, nachdem er alles, was er tat, der größeren Ehre Gottes unterwerfen wollten: „Omnia ad majorem Dei gloriami!“. Er beschäftigte sich intensiv mit geistigen Übungen und legte in dieser frühen Zeit den Grundstein für die Exerzitien, die später ausgebaut wurden und noch heute zu den bekanntesten „Einkehrübungen“ der katholischen Christenheit gehören. Er unternahm nun eine Wallfahrt ins Heilige Land, welche ihm jedoch noch nicht die „Erleuchtung“ brachte, die er sich erhofft hatte. Aber einen Entschluss fasste er nun: nämlich jenen sich zum Priester weihen zu lassen. Von 1528-1535 studierte er in Paris und sammelte dort eine feste und treue Gruppe von Männern um sich, mit denen er in religiöser Gemeinschaft lebte. Diese Gruppe legte das Armuts- und Keuschheitsgelübde ab (1534). Nach einem gescheiterten Versuch ins Heilige Land zu gelangen, begab sich die Gruppe nach Rom zum Papst, um sich von ihm einen Auftrag zur apostolischen Arbeit zu erbitten. 1539 unterstellte sich die Gruppe der Oberhoheit des Heiligen Stuhls. 1540 wurde der nunmehrige Orden von Papst Paul III. anerkannt. Die Leitung oblag nun Ignatius selbst, der den Orden zentral von Rom aus leitete. Die missionarische Mission des Ordens war binnen kurzer Zeit extrem erfolgreich. Nach kurzer Zeit schon gelangte der Orden über den besten Freund von Ignatius, den Heiligen Franz Xavier, bis nach Japan und China. Neben der intellektuellen Speerspitze der Gegenreformation und der damit verbundenen Tätigkeit in Europa, als die die Ordensleute Jesu bald galten, trugen die Jesuiten stark zur Verbreitung des Christentums in den Kolonien bei, dabei vor allem im Bereich Asiens und Südamerikas (die Gebiete Spaniens und Portugals). Die Jesuiten kämpften vor allem mit der Feder und der Zunge, nicht mit dem Schwert. Sie hatten eine bedeutende Rolle im Schulwesen. Jesuitenschulen galten und gelten auch heute noch als herausragende Kaderschmieden, in denen großen Wert auf die Sprache gelegt wird. Viele bedeutende Persönlichkeiten der Weltgeschichte besuchten jesuitische Gymnasien und Hochschulen. Die berühmteste Schule der Jesuiten ist auch heute noch die päpstliche Hochschule Gregoriana in Rom. Die Erziehung der Jugend, sowie die Förderung von Wissenschaft und Forschung, waren die großen Anliegen der Jesuiten. Die Ordensleute trugen wesentlich zur Erschließung der Neuen Welt bei (heute noch haben die Jesuiten in Südamerika große Bedeutung), sie waren Gelehrte, Erfinder, Architekten, Baumeister, Maler, Dichter und Schriftsteller (einer der bekanntesten Jesuiten des 20. Jahrhundert war der Franzose Teilhard de Chardin, der die Wissenschaft mit der Religion zu versöhnen suchte). Der Orden ist ganz der Welt verankert, Jesuit zu sein heißt unter den Menschen zu sein und aktiv das Leben und die Gemeinschaft zu gestalten. Durch ihr dominantes Auftreten und ihre geschliffenen Zungen waren die Jesuiten gefürchtet und auch, selbst von ihren Gegnern, respektiert.

Wie immer man persönlich auch zu Ignatius von Loyola stehen mag, die positiven Werke seines Ordens auf der ganzen Welt lassen sich nicht leugnen und die eindrucksvolle Persönlichkeit des Gründers ebenso wenig. Der Heilige Ignatius starb am 31. Juli 1556 in Rom. Sein Jahrestag ist deshalb auch der 31. Juli.

Samstag, 29. Mai 2010

Aurelius Augustinus (354 – 430)

Einst ging Augustinus am Strand des Meeres entlang und sinnierte über das Wesen Gottes nach. Da sah er einen kleinen Jungen, der Wasser aus dem Meer in eine kleine Sandgrube goss, die er gegraben hatte. Als Augustinus ihn fragte, was er da mache, antwortete dieser er schöpfe das Meer in die Grube. Auf die Frage, ob der Junge Glaube mit seinem Vorhaben Erfolg zu haben, gab dieser zur Antwort, es gelänge ihm wohl eher, als dass Augustinus das Wesen Gottes erfassen könne.

Diese kleine Legende über den Heiligen Augustinus sagt viel über seine Suche nach Gott aus, aber auch seine letztendliche Demut, die ihn einsehen ließ, dass das Unaussprechliche, das Unerfassbare sich dem menschlichen Geist entzieht und doch hat der aufrichtig Suchende die Gewissheit von Gott, die dem Nicht-Glaubenden unverständlich bleiben muss. Augustinus ist den meisten Menschen zumindest dem Namen nach bekannt. Vielen sind auch seine „Confessiones“, seine große Lebensbeichte, ein Begriff. Schonungslos geht er darin mit sich selbst ins Gericht und liefert damit nicht nur ein herausragendes Werk der Weltliteratur, sondern schuf auch eine neue Gattung der Literatur – die Autobiographie. Wer war dieser Augustinus? Führte er bereits von Kindesbeinen an ein gottgefälliges, frommes und rechtschaffenes Leben? War er dem Herrn immer schon zugetan? Mitnichten! Sein Leben verlief über lange Zeit in eine ganz andere Richtung.

Aurelius Augustinus wurde am 13. November 354 im nordafrikanischen Tagaste geboren. Er war römischer Abstammung, sein Vater Patricius blieb über den größten Teil seines Lebens hinweg Heide, die Mutter, die heilige Monica, war jedoch Christin. Die Mutter war es auch, die dem Knaben das Christentum nahe brachte. Doch auf den Wunsch des Vaters hin, sollte Augustinus eine weltliche Laufbahn einschlagen. Augustinus wandte sich nun ganz dem weltlichen Leben zu und bereitete der Mutter so nicht geringe Sorgen. Es sollte lange dauern, bis er sich zum Glauben an Jesus Christus bekannte. Der Junge studierte zuerst in seiner Vaterstadt und führte seine Studien in Karthago weiter. So erhielt er eine lateinische Bildung. Bald jedoch gab sich Augustinus immer mehr den weltlichen Ausschweifungen hin, besuchte allerlei Vergnügungen, nahm an Orgien teil und lebte in wilder Ehe, aus der ihm auch ein Sohn geboren wurde. Beruflich machte er zuerst Karriere als Lehrer der Rhetorik in Karthago. Vor allem Cicero war dabei sein großes Vorbild.

Eine ausgeprägte Schönheitsliebe und der brennende Wunsch nach Wahrheit und Selbsterkenntnis führten zu allerhand Irrwegen. So schloss er sich etwa den Manichäern an. Sein beruflicher Weg führte ihn nach Rom, wo er seinen Ruf als Orator weiter ausbaute und bald darauf wurde er auch nach Mailand berufen. Mailand wurde für ihn zum Ort der Umkehr. Das Interesse an der unsichtbaren Welt brachte Augustinus dazu seinen Fokus zu ändern. Großen Einfluss hatte dabei der Bischof von Mailand, Ambrosius. Augustinus begann nun ernsthaft mit dem Studium der Bibel, jedoch mit sehr großer Skepsis, einerseits, da sie ihm als literarisches Werk nicht hoch stehend genug war, andererseits aber auch, weil sein Stolz ihn daran hinderte sein Leben Jesus anzuvertrauen. Allmählich begann die Botschaft in ihm zu reifen, Berichte anderer Leute, die zum Christentum konvertiert waren, unterstützten seine Verwandlung. Eines Tages meditierte er im Garten seines Hauses, als er eine Stimme vernahm, die ihm gebot zu lesen. Er schlug die Bibel auf und vor ihm lag der Römerbrief des Apostel Paulus. Die Stelle die ihm ins Auge fiel war jene, die besagt, nicht im Fleische, sondern in Jesus Christus ist das Heil zu finden (Röm. 13,13). Dies war der Moment der Umkehr, er wurde nun zum wahren Christen. 387 ließ er sich von Ambrosius taufen.

Er zog über Rom zurück in seine afrikanische Heimat, verkaufte alle Güter seiner Familie und verteilte den Erlös an die Armen. Daraufhin gründete er eine Klostergemeinschaft mit guten Freunden, an deren Spitze er nun stand. Bischof Valerius von Hippo weihte ihn zum Priester, setzte ihn zunächst als seinen Stellvertreter ein und als der alte Bischof starb, übernahm Augustinus dessen Bischofsamt. Die größten Schwierigkeiten bereiteten dem neuen Bischof die vielen Sekten und häretischen Ansichten der damaligen Zeit (Manichäer, Arianer, etc.), neben den Heiden und deren Gebräuchen selbstredend. Er setzte seinen genialen Verstand und seine überragende Redekunst ein, um dem rechten Glauben zum Sieg zu verhelfen. Er schrieb unaufhörlich theologische Schriften und unterhielt einen regen Briefverkehr. Neben den „Bekenntnissen“ ist vor allem seine Schrift „Der Gottesstaat“ von überragender Bedeutung. Augustinus wurde so zu einem grundlegenden Denker des Abendlandes, der Theologie, Moral und Ethik, Politik aber auch Mystik und Philosophie maßgeblich beeinflusste. Augustinus starb am 28. August (Jahrtag) 430 im Bischofsamt von Hippo Regius. Seine Asche wurde in San Pietro in Ciel d’Oro (bei Pavia) beigesetzt. Augustinus ist der Patron der Theologen, der Buchdrucker und Bierbrauer. Augustinus ist ein gutes Beispiel dafür, dass auch Menschen, die ganz dem „frommen“ Leben abgeschworen haben, immer noch „bekehrt“ werden können. Einen ähnlichen Fall finden wir bei Saulus von Tarsus, der nach seiner Bekehrung als der Heidenapostel Paulus seine übergroße Berühmtheit erlangte. Niemals können wir Menschen darüber urteilen, welchem Herz von Gott seine Gnade erwiesen wird. Selbst bei Menschen, die vom Heil sehr weit entfernt sind, kann noch eine Umkehr erfolgen – das sollten wir nicht vergessen.

Dienstag, 25. Mai 2010

Thomas von Aquin (1225 – 1274)

Der Heilige Thomas von Aquin war einer der herausragendsten Geistesgrößen des Mittelalters und wahrscheinlich die einflussreichste Person in der Philosophie und mehr noch der Theologie des 13. Jahrhunderts. Über all die Jahrhunderte hindurch wurden und werden seine Werke gelesen und gelten zu dem Größten, was der menschliche Geist je hervorgebracht hat. Seine bedeutendsten Schriften verfasste er mit unglaublicher Anstrengung und einem schier übermenschlichen Arbeitspensum in den letzten Jahres seines nicht all zu langen Lebens. Am bekanntesten unter diesen Schriften sind „Summa contra gentiles“ und mehr noch seine „Summa theologica (oder theologiae)“. Der dritte Teil dieser „Summa theologica“ wurde erst nach seinem Tod 1274 fertig gestellt, jedoch in Übereinstimmung mit seinem eigenen Design. Wer war dieser große Mann, zu dem Generationen von Gelehrten emporblicken und der nicht nur unter den Heiligen einen besonderen Platz einnimmt, sondern auch in der Gelehrtenwelt seinen überragenden Rang hat?

Geboren wurde Thomas von Aquin 1225 auf der Burg Roccasecca bei Aquino in Mittelitalien. Der Abstammung nach war er aus niederem Landadel (Lehensherrn aus gräflichem Geschlecht). Er studierte bereits als Kind bei den Benediktinern auf dem berühmten Bergkloster Monte Cassino in Latium. Später studierte er in Neapel, welches die erste staatliche Universität des Abendlandes besaß. Er trat mit 18 Jahren, 1243, in den Dominikanerorden ein. Gegen den ausdrücklichen Wunsch seines Elternhauses ging er nach Paris, um dort seine Studien fortzusetzen. Dabei wurde er Schüler des berühmten Scholastikers, Albertus Magnus. Er folgte Albertus Magnus, als dieser nach Köln berufen wurde. Später, 1252, kehrte Thomas nach Paris zurück, um dort bis 1261 zu unterrichten. 1256 erhielt er seine Magisterwürde. In Paris entstanden auch die ersten Werke, einige Kommentare zu den frühen Kirchenvätern. Dann wurde er unter Urban IV an den päpstlichen Hof nach Rom geholt. Thomas wechselte mehrmals zwischen Italien (unter anderen wieder Neapel) und Frankreich (vor allem Paris) hin und her. Seine Pflichten und Berufungen ließen ihn kaum länger als zwei bis drei Jahren an einem Ort verweilen. Zwischen 1259 und 1264 entstand sein bedeutendes Werk „Summa contra gentiles“, in dem er vor allem die Frage der Heiden behandelt. Daran schließt sich der Beginn seines Werkes „Summa theologica“ an, an dem er lange Zeit arbeitete und das trotz zahlreicher anderweitiger Verpflichtungen (Lehre und Dominikanerorden). In den letzten Jahren vor seinem Tod schrieb er noch zwölf umfangreiche Kommentare zu Aristoteles.

1272 kehrte Thomas nach Neapel zurück, um dort eine Ordenshochschule einzurichten. 1274 berief Gregor X. den Generalrat nach Lyon, zu dem auch Thomas von Aquin geladen war. Er starb jedoch am 7. März auf dem Weg dahin in der Zisterzienserabtei von Fossa-nuova, südlich von Rom, an Erschöpfung. Seine sterblichen Überreste wurden in Toulouse begraben. Bald wurde der Heiligsprechungsprozess eingeleitet. 1323 sprach Papst Johannes XXII. Thomas von Aquin heilig.

Die Philosophie Thomas von Aquins steht in Zusammenhang mit der im 13. Jahrhunderts besonders stark vertretenen Auseinandersetzung mit den Werken des (Heiden) Aristoteles. So war es zu dieser Zeit auch nicht ungefährlich dessen Werke zu lesen und zu studieren. Vor allem die diversen Übersetzungsversuche brachten viele Kontroversen mit sich. Thomas von Aquin zeichnet sich durch einen sehr überlegten und, heute würde man sagen „fairer“ Stil aus. Er stellt mehrere Positionen gegenüber, ohne dabei überheblich zu sein oder eine von vorne herein eine Interpretation im Sinne des Christentums vornehmen zu wollen. Was bemerkenswert an Thomas ist, dass er meist größeren Wert auf die gedankliche Nachvollziehbarkeit als auf direkte Offenbarung der Wahrheit legte. Natürlich befinden wir uns noch in der Mitte des 13. Jahrhunderts und deshalb wird auch noch von „Wahrheit“ im Wissenschaftlichen Sinne gesprochen. Heute ist uns klar, dass die Wissenschaft nicht in der Lage ist Wahrheiten zu liefern, sondern lediglich Theorien, die eine Zeit lang bestehen, bis sie von einer neuen Theorie abgelöst wird. Trotzdem gibt es heute immer wieder Wissenschaftler, die anstatt zu forschen und sich um die Wirklichkeit zu kümmern, lieber Politik betreiben und ihre Theorien als „Wahrheiten“ verkaufen. Ein Beispiel für so eine Vorgehensweise finden wir bei Richard Dawkins, der die „Evolutionstheorie“ als „Wahrheit“ darstellt und dabei alles tut, um Religionen in den Schmutz zu ziehen. Dabei schaden solche Leute am aller meisten der Wissenschaft selbst. Ein Thomas von Aquin hätte sich keiner ernsthaften Diskussion entzogen, doch wäre er wohl nicht auf ein primitives polemisches Niveau herunter gestiegen.

Jedenfalls waren das Hochmittelalter, und vor allem das 13. Jahrhundert, die Zeit in der es allmählich zu einer Umorientierung kam. Während die Antike und das frühe Mittelalter von Platons Philosophie geprägt war, so änderte sich dies nun mehr zugunsten des Aristoteles. Das heißt aber auch, dass damit die Naturkräfte selbst und auch die Materie eine größere Bedeutung erlangten. Während Platon die Seele in den Mittelpunkt stellt und die Körperlichkeit als untergeordnet, ja teilweise sogar in ihrer Existenz anzweifelt, ist die Philosophie des Aristoteles hingegen mehr an der „Dinglichkeit“ orientiert. Platon ist mehr der „echte“ Philosoph, der Vergeistigte, während Aristoteles, der Praktiker, den man, man möge mir diesen Ausdruck verzeihen, als „Mechaniker“ bezeichnet werden könnte. Thomas von Aquin bemühte sich intensiv darum zu zeigen, dass ein Großteil dessen, was Aristoteles lehrte, mit dem christlichen Dogma übereinstimmte. Bemerkenswert ist die Kunst zu systematisieren, die Thomas von Aquin auszeichnete. Er lehnte auf der einen Seite die Augustinische Lehre ab, dass die Wahrheit eine Angelegenheit des Glaubens sei. Auf der anderen verwarf er aber auch die Lehre, die vor allem von Averroes vertreten wurde, die Glauben und Wahrheit völlig von einander trennte und keinen Zusammenhang zwischen den beiden erblicken konnte.

Über die „Summa theologica“ werde ich zu einem späteren Zeitpunkt ausführlicher schreiben. Der Platz wäre hier niemals ausreichend und in dieser Kurzbiographie stelle ich auch nicht den Anspruch detaillierte Informationen zu liefern. Der Jahrestag des Heiligen Thomas von Aquin wird am 28. Jänner (katholisch) gefeiert.

Sonntag, 25. April 2010

Oliver Cromwell (1599 -1658)

Mit diesem Artikel beginne ich eine Serie von kurzen Biographien über große Persönlichkeiten der Geschichte, die ich für mich persönlich in irgendeiner Weise inspirierend finde. Den Anfang mache ich dabei mit der wohl berühmtesten Gestalt der Englischen Geschichte des 17. Jahrhunderts – mit Oliver Cromwell. Der Name Oliver Cromwell ist untrennbar mit der kurzen und einzigen Periode verbunden, in der England eine Republik war. (Und ganz nebenbei ist heute am 25. April sein 411. Geburtstag).

„Cromwell war ein Mann, in dem der Ehrgeiz das religiöse Gefühl nicht vollständig unterdrückt, sondern lediglich vorübergehend in den Hintergrund gerückt hat“ – Edmund Burke (1729 – 1797)

Der Name Cromwell spielte in England bereits im 16. Jahrhundert eine bedeutende Rolle. Thomas Cromwell (1485 – 1540) diente als Staatskanzler unter König Heinrich VIII und war maßgeblich für die Reformation in England, in deren Entwicklung die Krone die Oberhoheit über die Kirche erlangte, verantwortlich. Letztendlich nutze ihm das jedoch wenig, denn der König ließ seinen einst treuesten Gefolgsmann hinrichten (etwas, das unter Heinrich dem VIII recht oft geschah, nicht nur den Frauen des Königs). Oliver Cromwell stammte von einem der Neffen Thomas Cromwells ab.

Oliver Cromwell wurde am 25. April 1599 in Huntington geboren, wuchs in East Anglia unter dem puritanischen Landadel auf und besuchte nach der Absolvierung des örtlichen Gymnasiums das Sidney Sussex College in Cambridge. Wie viele seiner Vorfahren studierte er die Rechte, womit er für die Verwaltung, den Staatsdienst, die richtigen Voraussetzungen mitbrachte. Seine Jugend verlief unspektakulär und entsprach ganz dem Stereotypen des niederen puritanischen Adels und daran änderte sich auch nichts, bis er 1628 Mitglied des Unterhauses in Westminster wurde. Cromwell war lange Jahre ein Abgeordneter unter vielen und fiel in keiner Weise besonders auf, außer vielleicht durch seinen strengen, ehrlich gelebten Glauben. Seine glänzenden Talente als militärischer Führer schlummerten in dieser Zeit noch unerkannt in ihm. In den Jahren nach 1628 hatte der fromme Cromwell eine Art religiöses Erweckungserlebnis, das ihn später unbeirrbar seine Mission ausführen ließ. Er verstand sich fortan, als einen der die göttliche Gerechtigkeit auf Erden durchsetzen sollte. Der glühende Glaube daran von Gott auserwählt zu sein und von ihm zum Sieg geführt zu werden, hatte einen entscheidenden Einfluss auf die Kampfmoral von Cromwells Truppen, die ihn den „Engländer Gottes“ nannten.

Als 1642 der Englische Bürgerkrieg ausbrach, war Cromwell einer der aktivsten Parteigänger des Parlaments, welches dem Versuch König Karls I. die absolute Monarchie in England durchzusetzen, entschieden entgegen trat. Cromwell trat selbst in die Armee im Range eines Captains ein. Die Royalisten erzielten bald einen ersten Erfolg bei Edgehill, woraufhin die Truppen des Parlaments neu organisiert wurden. Cromwell nahm eine Schlüsselposition dabei ein und hob neue Truppen aus und trainierte sie in seiner Heimat East Anglia. Dabei legte er in erster Linie auf den Charakter seine Soldaten wert: Strenge, vom Feuereifer für die „göttliche Sache“ entbrannte Puritaner, die gewohnt waren Entbehrungen auf sich zu nehmen und sich durch besonders großen Mut und Disziplin auszeichneten. Männer, die bereit waren für die eigene „gute“ Sache zu sterben und die, wenn es darauf ankam, nicht zögern würden in den Tod zu gehen. Cromwells Menschenkenntnis und seine überragenden Führungsqualitäten zeigten sich nun deutlich und überraschte viele, die ihn bisher für einen langweiligen Prinzipienreiter und Mann aus den hinteren Reihen des Parlaments gehalten hatten.

Die Truppen Cromwells waren überaus erfolgreich und fügten den Royalisten schwere Verluste zu. Die beiden größten militärischen Meisterleistungen gelangen ihm 1644 bei Marston Moor und 1645 in der berühmt gewordenen Schlacht bei Naseby. Trotz seiner strengen religiösen Haltung war Cromwell kein Fanatiker. Im Gegenteil, er blieb vernünftig und nahm eine gemäßigte Position gegenüber den radikaleren Gruppen ein, die später als die Diggers und die Levellers bekannt wurden. Cromwell misstraute dem König Karl weiterhin, als der erste Bürgerkrieg beendet war und setzte durch, dass die Armee nicht wie von vielen gewollt aufgelöst wurde. Wie Recht er damit haben sollt, zeigte sich 1648, als der König eine Allianz mit Schottland schloss und damit den zweite Bürgerkrieg entfachte. Darauf folgte der Prozess gegen Karl und dessen Hinrichtung unter Cromwell im Jahre 1649. Diese Hinrichtung löste Schockwellen in ganz Europa aus, vor allem in Frankreich, das gerade dabei war die absolute Monarchie zu festigen. England blieb über lange Zeit ein negatives Beispiel für die Absolutisten auf dem Kontinent. Für das Inselreich selbst stärkte es das Selbstbewusstsein der Bürger und des Adels und führte in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, als die Freien Engländer Grundrechte zugestanden bekamen, zu einer Freiheit von denen die Bürger im sonstigen Europa nur träumen konnten.

Nach dem Tod des Königs war es für Cromwell das größte Problem eine Verfassung auszuarbeiten, die vom Parlament und von der Armee akzeptiert werden konnte und die eine rechtliche Stabilität garantierte. Die Zivilisten wünschten keinen Militärdiktator, die Armee keine Herrschaft des Königs. Bis zu Cromwells Tod beschäftigte ihn diese entscheidende Frage. Cromwell suchte eine „göttliche Reform“ durchzuführen, ein umfassendes Programm, das Ungerechtigkeiten beseitigen sollte und sich gegen Unmoral, die Sünde im Allgemeinen und vor allem die Trunkenheit richtete. Er selbst war ein glühender Anhänger dessen, was er „die Freiheit des Bewusstseins“ nannte, das ungestörte Leben von religiösen (protestantischen) Gruppen, die allerdings auch andere Gruppen nicht tangieren sollten.

Nach der erfolgreichen Niederschlagung von Aufständen in Irland und dem Kampf gegen die dortigen Katholiken, wurde Cromwell 1653 vom Staatsrat zum Lord Protector ernannt. Cromwell wurde damit der faktische Herrscher Englands mit enormer Macht, nicht nur in Engaland selbst, sondern auch in Schottland und Irland. Elf von Cromwell ernannte Generäle verwalteten das Land. Die religiöse Toleranz nahm zwar etwas zu, doch war die Herrschaft dieser Generäle mehr als unbeliebt und so dauerte diese Periode nicht länger als 18 Monate. 1656 wurde Cromwell vom Protektoratsparlament die Krone angeboten, welche er nach intensivem Gewissensstudium ablehnte. Das Problem mit einem verbindlichen, zufrieden stellenden und haltbaren Verfassungszustand bestand über den Tod Cromwells 1658 weiter fort.

Außenpolitisch waren die Jahre Cromwells von großer Bedeutung. England wurde zum ersten Mal zu einer großen See- und Militärmacht. Der erste britisch-holländische Seekrieg (1652-1654) endete für die Briten siegreich. Dieser Krieg war eine Folge der Navigationsakte Cromwells von 1651. Darin wurde der Zwischenhandel unterbunden. Schiffe durften britische Häfen nur anlaufen und ihre Waren löschen, wenn sie entweder unter britischer Flagge fuhren oder direkt aus dem Herkunftsland der Waren kamen. Darunter litten vor allem die Holländer, die vom Zwischenhandel lebten. Mit Frankreich schloss Cromwell eine Allianz gegen Spanien, die sich als siegreich erweisen sollte. Britannien erhielt Jamaika und dehnte seinen Einfluss in Westindien aus. Die Vorherrschaft der Spanischen Flotte war bereits 1588 durch die Vernichtung der Spanischen Armada gebrochen worden.

Cromwell ist wohl die kontroverseste Figur der Englischen Geschichte überhaupt. Wie alle Großen ist er für die einen ein Held, für die anderen ein Schurke. Viele sehen in ihm den Bewahrer des Englischen Staates in turbulenten Zeiten, den Prinzipien mehr interessierten, als die Macht (nachdem er die Krone abgelehnt hatte). Andere bewundern sein militärisches und auch politisches Genie (vor allem außenpolitisch). Seine Gegner kritisierten ihn als Diktator und vor allem die Schotten und Iren (blutige Niederschlagung von Aufständen und Katholikenfeindlichkeit) sehen in ihm einen Tyrannen. In einem aber sind sich alle einig, dass Cromwell ein Mann von herausragendem Charakter und harten Prinzipien war, die er nicht verriet.

Oliver Cromwell starb am 3. September 1658 in Westminster.